Qube (von Tom Hillenbrand)

Der Journalist Calvary Doyle wird 2091 auf offener Straße erschossen. Glücklicherweise hat er kurz vor dem Attentat einen Gehirnscan angefertigt und sein Bewusstsein kann in einen neuen Körper übertragen werden. Allerdings sind dabei alle Erinnerungen Doyles an seine jüngste Recherche verloren gegangen. Dadurch wird der Agent Fran Bittner auf ihn aufmerksam. Fran arbeitet für eine UN-Agentur, die die Verbreitung künstlicher Intelligenz verhindern soll. Und nach den Informationen der Agentur forschte Doyle genau zu diesem Thema. Ist der Agentur eventuell eine Superintelligenz durch die Finger geschlüpft, die im Hintergrund längst die Strippen über alle Aktivitäten der Menschheit zieht? Der skrupellose Milliardär Clifford Torus versucht derweil einer weiteren künstlichen Intelligenz den Weg zu ebnen, um mit ihrer Hilfe die Unsterblichkeit zu erlangen. Die Gamerin Persia leidet derweil unter einer Formschwäche und erhält ein Angebot für ein geheimes Tunier auf einem revolutionären Spielfeld. Und zuletzt gibt es den Adepten Franek, der im Auftrag des gelben Zauberers eine wichtige Botschaft zum blauen Zauberer bringen muss.

„Qube“ ist ein eigenständiger Science Fiction Thriller, der jedoch auf die Ereignisse in „Hologrammatica“ aufbaut. Der Roman setzt mit der Ermordung Doyles ein. Obwohl Fran Bittner eine wichtige Person im vorherigen Teil war, braucht es keine Vorkenntnisse, um den Einstieg in die Handlung nachzuvollziehen. Im Verlauf des Romans wiederholt Hillenbrand viele Grundlinien seiner Zukunftsvision, erklärt den Hintergrund der weltweiten Paranoia vor künstlichen Intelligenzen und wie die einzige bisher erschaffene künstliche Intelligenz fliehen konnte. Dabei profitiert Hillenbrand wieder von der komplexen, nuancierten Welt, die er erschaffen hat: Die künstliche Intelligenz sollte den Klimawandel aufhalten und tötete umgehend Milliarden Menschen mit einem Virus – es war die einzige berechenbare Möglichkeit, den Klimawandel noch zu stoppen. Verständlicherweise wurde sie umgehend vom Netz genommen, entwickelte sich jedoch weiter. Gleichzeitig tauchten auf der Erde mysteriöse Anomalien auf, vor allem auf Kreta, und eine moderne Holotechnologie entstand, durch die Realität und Fiktion nur noch schwer zu unterscheiden sind.

Auch „Qube“ lebt von dieser faszinierenden Welt. Menschen können ihre Bewusstseine sichern und in neue Körper übertragen. Sie können sich zudem in Gefäße für eine begrenzte Zeitspanne auf eine Art Ausflug begeben. Während ein Teil der Holotechnologie abgeschaltet wurde, gibt es immer noch eine Reihe technischer Illusionen, mit denen man sein Gegenüber verwirren kann. Und seit der Rückkehr der KI gibt es natürlich reichlich Theorien darüber, wie weit der Einfluss der KI reichte. Da die KI jedwede menschliche Intelligenz weit in den Schatten stellt und viel mehr Berechnungen anstellt, ist ihr Potential – im Positiven wie im Negativen – nicht abzusehen. Fran Bittner kämpft daher andauernd (und ausdauernd) gegen die Möglichkeit, dass die KI doch überlebt hat und jeden ihrer Schritte vorausberechnet. Das schafft eine fesselnde und besondere Atmosphäre, die zum ständigen Weiterlesen einlädt.

Die Protagonisten fallen leider hinter die bisherigen Akteure in Hillenbrands futuristischen Krimis zurück. Während Galahad Singh sich zum Beispiel Stück für Stück in seine mysteriöse Rolle einarbeiten musste, ist die Welt für Fran Bittner klar: Er kämpft unerbittlich gegen eine Rückkehr der KI. Das ist weniger spannend. Auf der einen Seite tritt Fran meist nur in seinen Gefäßen auf, im Todesfall verliert er also allenfalls einige seiner jüngeren Erinnerungen. Andererseits muss er im Laufe des Thrillers seine Weltanschauung zwar hinterfragen, doch leider geschieht dieser Wandel nach einer Unterhaltung viel zu plötzlich. Immerhin erfährt man durch Fran und den Adepten Franek, über welche Möglichkeiten der Manipulation die KI verfügt. Diese Verschmelzung zweier zunächst sehr unterschiedlich wirkenden Protagonisten, ist sehr überzeugend. Clifford Torus und Persia haben lediglich eindimensionale Rollen. Clifford ist ein sadistischer und narzistischer Mensch, dem es einzig und allein um seine Unsterblichkeit geht. Der Roman hält für ihn keinerlei Herausforderungen bereit. Stattdessen gibt es für ihn ein bitteres Ende, auf das er selbst hingearbeitet hat, ohne die Auswirkungen konsequent zu überdenken. Persia wiederum übernimmt lediglich eine Nebenrolle in der Erzählung. Durch sie erlebt der Leser weitere Facetten der überzeugenden Hologrammatica-Welt. Die ehrzgeizige Gamerin bleibt selbst jedoch blass und weitgehend uninteressant. Insgesamt fiebert man mit dem Ensemble in „Qube“ weniger mit.

Der eigentlich Held des Romans ist neben der grandiosen Kulisse die KI. Sie trat im Vorgänger kaum direkt auf. Das ändert sich in „Qube“. Hillenbrand gelingt es, die KI authentisch wirken zu lassen. Ihre Auffassungsgabe und ihre Intelligenz übersteigen die jedes Menschen, der sich mit ihr unterhält. Dadurch bleiben ihre Ziele, aber auch ihre Weltsicht, unerfahrbar. Jeder Dialog mit der KI ist dementsprechend in der letzten Konsequenz vage. Hillenbrand gelingt es gut, gleichzeitig klare Informationen über das Schicksal der KI und ihre Ziele zu vermitteln und weite Teile ihrer Motivation, aber auch der Vorgänge, die von ihr und anderen potentiellen KIs angestoßen wurden, im Unklaren zu lassen. Die Welt der Hologrammatica wird dadurch gleichzeitig klarer und geheimnisvoller. Denn selbst eine KI kann nicht alles voraus berechnen, hat noch offene Fragen und braucht dafür überraschenderweise Menschen. Hillenbrand entwirft auf sehr gute Art eine KI, die deutlich komplexer und spannender ist als alle Charaktere des Thrillers. Und vor allem ist man als Leser genau so unsicher wie Fran über jede Aussage der KI, was genau in die Atmosphäre dieser übertechnisierten und doch gänzlich unsicheren Welt passt.

In gewohnter Art entstehen im Laufe der Handlung eine Reihe interessanter technischer und moralischer Fragen. Da die Büchse der KI-Pandora bereits geöffnet wurde, haben Fran Bittner und ihre Kollegen diesmal deutlich weniger Möglichkeiten, existentielle Entscheidungen zu treffen. Stattdessen geht es nun darum, mit den Konsequenzen zu leben und diese zu gestalten. Wie weit kann man den Aussagen einer nicht kontrollierbaren KI vertrauen? Wie könnte die Menschheit mit Unsterblichkeit umgehen? Wie können ökologische Fehler der Vergangenheit vermieden werden? Und vor allem, wie kann sich die Menschheit an eine völlige Widerlegung jedweder Illusion darüber, das eigene Schicksal kontrollieren zu können, gewöhnen? Diese Fragen machen die Handlung noch interessanter, spiegelt sie doch Fragen, die sich die Menschheit in der Zukunft aller Voraussicht nach tatsächlich stellen muss. Die Themen sind in die bildhafte, actiongetriebene Handlung so eingebaut, dass sie das Erzähltempo und die Spannung immer weiter. Schließlich geht es bei den Freiheiten, die sich eine KI erarbeitet auch darum, wie sehr ihre Entscheidungen die Menschheit und das Zusammenleben von Menschen einschränken wird.

„Qube“ wartet mit schwächeren Charakteren als „Hologrammatica“ auf. Der Roman bietet dafür aber eine genau so spannende Handlung, die vor allem durch den Auftritt der KI deutlich komplexer und durch Handlungsorte außerhalb der Erde (im Reich der luxemburgischen Kieselkaiserin, kein Witz) noch grandioser als im Vorgänger wirkt. Das Handlungstempo ist sehr hoch, die Welt so faszinierend wie zuvor und im spannenden Höhepunkt gelingt Hillenbrand genau die richtige Mischung aus beantworteten Fragen und offenen Handlungssträngen. Durch das ungeklärte Schicksal Galahads und der weiteren Bedrohung der Menschheit durch unerkannte KIs läuft der Handlungsbogen glücklicherweise geradezu zwingend auf einen dritten Teil hinaus.

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