Hologrammatica (von Tom Hillenbrand)

Im Jahr 2088 verschwindet die Programmiererin Juliette Perotte. Galahad Singh wird als Ermittler von der Familie engagiert, um die junge Frau zu finden. Was zunächst nach einem Routinefall aussieht, bringt Galahad Singh bald unvermittelt in die Abgründe einer Welt, in der aufgrund weitverbreiteter Holographietechnik nichts so ist wie es scheint und hinter der Fassade einer sich immer weiter aufheizenden Welt mit immer weniger Menschen eine Auseinandersetzung um die Zukunft menschlichen Zusammenlebens geführt wird.

„Hologrammatica“ überzeugt mit einem grandiosen Aufbau einer Welt im Jahre 2088. Stück für Stück erfährt der Leser Informationen über den Einsatz der Holo-Technologie, der Möglichkeit für kurze Zeiträume das Gehirn elektronisch in andere Körper (Gefäße) zu laden, die Entvölkerung der Welt, den Klimawandel, die Siedlungsbewegungen in den Norden und viele weitere Details. Alles wird am Rande erwähnt und so baut sich vor dem geistigen Auge ein detailliertes, realistisches und gleichzeitig faszinierendes Puzzle einer Welt auf, in der Privatsphäre auf merkwürdige Weise wieder so eine wichtige Stellung einnimmt, dass Individuen dahinter beinahe verschwinden. Gleichzeitig wird jedes Detail in dieser fesselnden Puzzlearbeit im Laufe der Erzählung wichtig. Beiläufig erwähnte Prozesse können dabei rasch handlungsentscheidend werden. Hillenbrand wendet diese Besonderheit von Kriminalromanen und ihrem peniblen Fokus auf Indizien grandios auf das Science Fiction Setting in „Hologrammatica“ an, in dem nichts und niemand so ist wie es zunächst scheint.

Darüber hinaus weist der Roman sehr starke Charaktere auf. Der größte Teil des Romans ist in Galahads Stimme gehalten. Der Ermittler gibt dem Roman einen abgeklärten und abgehärteten aber auch erschöpften und depressiven Klang. Dadurch erlebt man die zerrüttete Gegenwart genau so direkt wie Galahads zerrüttete Familie und seine Sehnsucht nach wahren Gefühlen. In Hologrammatica kann jeder Mensch mithilfe der Holo-Technologie Illusionen erzeugen oder gar in andere Körper wechseln. Insofern gibt es wenig Instanzen, denen man wirklich trauen kann. Galahad verdient damit sein Geld, spürt Leute wieder auf, die verschwinden wollten oder aber mithilfe dieser Technologie entführt wurden. Im Laufe der Handlung wird aber Galahad die eigentliche Hauptfigur neben dem Entführungsfall Perotte. Hillenbrand gelingt es ganz unaufgeregt, Galahad eine dramatische Familientragödie im Zusammenspiel mit Galahads ausgesprochen reichem Unternehmervater zu erzählen. Der Leser lernt Glahad im Laufe des Romans von zunächst ungeahnten Seiten kennen, die zwar von vielen Zufällen getrieben sind, jedoch niemals konstruiert wirken. Das so stark, dass die gelegentlich eingeschobenen Passagen aus Perottes Perspektive geradezu stören. Sie halten die Handlung mysteriös, tragen letztlich auch Informationen bei, fallen aber in ihrer Charaktertiefe deutlich hinter Galahads Erzählung ab und sind zudem ein deutlicher Stilbruch.

Hillenbrand verarbeitet vom Klimawandel bis zu künstlicher Intelligenz und Außerirdischen eine Menge Themen in seinem Zukunftskrimi. Auch das ist ausgesprochen gelungen. Unbemerkt bringt er viele Schachfiguren in Stellung, sodass am Ende ein spannendes, temporeiches und interessantes Finale steht, in dem es ganz nebenbei um die Zukunft des menschlichen Zusammenlebens geht. Hillenbrand schließt seine Handlung dabei nicht komplett ab. Im Gegenteil: ein Großteil der Ereignisse werden der Phantasie der Leser überlassen, die am Ende mit einem stimulierenden offenen Ende belohnt werden. Hologrammatica hinterlässt dem Leser mit diesem temporeichen und nachdenklichen Schluss nicht nur eine großartige, spannende und faszinierende Welt mit einem interessanten Ermittler, sondern auch starke Bilder, deren weitere Entwicklung der jeweiligen Phantasie vorbehalten bleibt.

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