The Light Brigade (von Kameron Hurley)

Die Welt wird von sechs großen Firmen untereinander aufgeteilt. Durch gute Leistung und viel Geld kann man ein Bürger dieser sechs Unternehmen werden. Alle anderen Menschen arbeiten hart in unterbezahlten Berufen und leben unter widrigsten Umständen. Die Unternehmen führen zudem Krieg gegen die Menschen auf dem Mars, die sich weigern in einer freien, kapitalistischen Gesellschaft zu leben und stattdessen ein sozialistisches Regime unterhalten. Dietz hat ihre Familie verloren. Ihr Vater wurde wegen politischer Umtriebe festgenommen, ihre Mutter ist an den ungesunden Lebensumständen gestorben und ihr Bruder wurde bei einem Angriff der Mars-Bewohner auf ihren Heimatslum in der Nähe von Sao Paolo umgebracht. Das letzte Ereignis hat Dietz endgültig davon überzeugt, zum Militär zu gehen. Sie möchte weitere Tragödien, wie die Auslöschung Sao Paolos verhindern und als Heldin das Leben Unschuldiger verteidigen. Nachdem sie das brutale Training überlebt hat, wird sie einem Platoon zugeordnet. Dank neuester Lichttechnologie kann das Militär Einheiten direkt an das Einsatzziel „blinken“. Nicht alle Menschen sind dafür gemacht, Dietz hat aber gerade die Werte erreicht, um das fehleranfällig Verfahren zu überstehen. Dietz springt jedoch nach jedem Einsatz durch die Zeit. Nach langen Phasen der Verwirrung lernt sie, dass sie ein Teile einer kleinen, von der Militärleitung als „Light Brigade“ titulierten Gruppe von Soldaten ist, die bei jedem Blink durch die Zeit reisen. Dadurch gewinnt Dietz nicht nur einen nicht-linearen Blick auf den brutalen Krieg, sondern bald auch Einblicke, durch die sie ihr grundsätzliches Bild über die Unternehmen, den Krieg gegen den Mars und die Zukunft der Menschheit ändert. Ist es überhaupt möglich, im Militär zur Heldin zu werden?

Dietz ist eine sehr starke Hauptfigur. Zunächst wirkt es so als habe sie ihre gesamte Familie und ihre Freunde druch den Angriff des Mars auf Sao Paolo verloren. Dietz ist daher sowohl von Rache als auch dem Wunsch, weiteres Leid zu verhindern angetrieben. Doch bereits in der Ausbildung wird deutlich, dass Dietz keineswegs dieselben Rechte wie manche ihrer Kameraden hat. Während Bürgerkinder Vorzüge in der Ausbildung erhalten, wird Dietz von ihren Vorgesetzten schikaniert, wo immer dies möglich ist. In jedem Kapitel gibt es zudem weitere Details über die perversen Praktiken der alles beherrschenden Unternehmen, die längst staatsähnliche Kartelle geworden sind. Die Propaganda gegenüber den Marsianern und ihrer angeblichen Knechtschaft ist so überspitzt, dass sie kaum zu glauben ist. Dietz wiederum braucht die Marsianer als Feindbild, um von ihrem eigenen Schmerz abzulenken. Sie ist im Militär, um eine Heldin zu sein. „The Light Brigade“ zeigt jedoch, dass es im Held selten bis nie Helden gibt.

Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit. Doch in dieser spätkapitalistischen Zukunft ist die Wahrheit auch ohne kriegerische Auseinandersetzungen kaum zu identifizieren. Je nach Bürgerrechten variiert der Zugang zu Informationen. Doch selbst priviligierte Bürgerkinder haben keinen Zugang zu allen Nachrichtenkanälen. Die Zensur geht so weit, dass zum Beispiel Dietz Vater – wie man später erfährt – für die falschen Informationsquellen für immer verschwindet. „The Light Brigade“ ist eine Erinnerung daran, wie wichtig Objektivität in der öffentlichen Debatte ist. In dieser Zukunft gibt es sie nicht mehr, der offizielle Zustand der Welt wird im PR-Department des jeweils zuständigen Unternehmens gefertigt, unabhängigen Journalismus gibt es nicht (mehr).

Dietz‘ Krieg ist eine Art Wahrheitsfindung. Sie ist eine der wenigen Soldaten, die keine normalen Sprünge erleben. Stattdessen reist sie in unregelmäßigen Abständen durch ihre Einsätze durch die Zeit. Stück für Stück verschiebt sich dadurch ihr Blick auf den Krieg. Zunächst wird der Krieg für sie persönlich deutlich schwieriger. Auf der einen Seite muss sie immer wieder ungläubigen Kameraden erklären, dass etwas mit ihr nicht stimmt. In der Regel glauben ihre Teamkollegen, dass sie sich um Einsätze drücken möchte, indem sie Erinnerungsverluste vortäuscht. Dabei ist die größte Herausforderung für Dietz, dass sie bereits weiß, wer in der Zukunft fallen wird und wer nicht. Dadurch werden ihre ‚letzten‘ Momente intensiver, aber in vielen Momenten auch unerträglich. Auf der anderen Seite verschaffen die Sprünge Dietz eine Perspektive. Sie versteht mehr über die Hintergründe des Krieges, reflektiert über das Leid, das die Unternehmen ihrer Familie und anderen Nicht-Bürgern angetan haben und entwickelt mit der Zeit eine kritische Haltung. In anderen Worten: Erst die Zeitsprünge erlauben es Dietz, eine Warheit zu entwickeln, die unabhängig von der Propaganda ihrer Vorgesetzten ist. Das ist eine ungewöhnliche, aber positiv überraschende Anwendung des überstrapazierten Zeitreisemotivs.

Hurley stellt den Krieg mit dem Mars ausgesprochen brutal dar. Die Einsatzgruppen materialisieren am Zielort, schießen alles nieder und bringen sich wieder in Sicherheit. Bei diesen Einsätzen fallen zwangsläufig auch Zivilisten den Gefechten zum Opfer. Das ist nicht nur spannend und temporeich, sondern lässt den Leser erleben, wie Dietz sich Stück für Stück von ihrem (eigenen) Heldenbild verabschiedet. Der Krieg dient hier nur den Kapitalisten. Da diese Widerstand in anderen Unternehmen sowie unter der eigenen Bevölkerung gnadenlos verfolgen, kann Dietz nicht einmal ihr eigentliches Ziel, wenigstens Zivilisten in ihrem Unternehmen vor Leid zu schützen, erreichen. „The Light Brigade“ bietet keine leichte Lösung für das Dilemma des nie gerechtfertigten Krieges und seiner kapitalistischen Profiteure. Der Roman hält für Dietz zwar ein versöhnliches Ende bereit, der Krieg an sich kann jedoch nicht gestoppt werden. Helden, so erkennt Dietz, sind aber vor allem diejenigen, die Kriege und Kämpfe verhindern und stoppen möchten anstatt diejenigen, die Krieg und Auslöschung vorantreiben.

„The Light Brigade“ ist durch die hektische Perspektive Dietz‘ ständiger Zeitsprünge und den kurzen, brutalen Einsätzen ein spannender und temporeicher Roman. Gleichzeitig zeichnet „The Light Brigade“ ein realistisch, negatives Bild über das Elend des Krieges, den ständigen Druck auf Soldaten und den Verlust jeglicher Warnung. Der Roman enthält durch die klug aufgezeigten Mechanismen moderner Kriegsführung sowohl eine Kritik gewalttätiger Auseinandersetzungen unserer Zeit als auch klare Warnungen vor den Gefahren zukünftiger Kriege um Freiheit und kapitalistischen Gewinndrang. In Verbindung mit der stetig wachsenden Sympathie mit der gelungenen Hauptperson, deren nüchterne Weltsicht ihren tiefen Schmerz über zu viele Verluste nie überdecken kann, ist „The Light Brigade“ ein gleichzeitig unterhaltsamer und nachdenklicher, also ein rundum gelungener Roman.

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