Die Geheimnisvolle Box (Star Trek: Picard, Episode 1×06)

(Orig. Titel: „The Impossible Box“)

Picard und seine Begleiter erreichen den ehemaligen Borg-Kubus, in dem Romulaner versuchen, stillgelegte Drohnen ihre alte Individualität zurückzugeben. Das Projekt unterliegt großer Geheimhaltung und Picard muss dringend einen Diplomatenpass erlangen, sonst wird sein Schiff umgehend abgeschossen. Auf dem Kubus gelingt es dem romulanischen Agenten Narek zunehmend Sojis Routinen durcheinander zu bringen. Bald findet die Androidin heraus, dass sie künstlich geschaffen wurde und gar kein biologisches Lebewesen ist. Wird es Narek gelingen, herauszufinden, wo Soji hergestellt wurde, bevor Picard sie findet?

„Die geheimnisvolle Box“ ist eine temporeiche und spannende Episode. Anders als die vorherige Folge entsteht die Spannung aber nicht durch exzessive Gewalt und Blut, sondern durch emotionale Traumata. In erster Linie ist „Die geheimnisvolle Box“ eine Reise in Sojis Psyche. Die junge Androidin wird jede Nacht von einem Albtraum geplagt. Dieser wird durch ihre Subroutinen genährt, die den permanenten Widerspruch zwischen ihren Androiden-Fähigkeiten und ihrem Selbstverständnis als biologischer Lebensform in den Träumen auflösen. Narek hofft durch die Erforschung dieser Träume, mehr über Sojis Herkunft zu erfahren und plant, die junge Androidin im Anschluss an die Erkenntnis umzubringen. Das ist doppelt spannend. Auf der einen Seite geht es um Sojis Leben. Auf der anderen Seite erlebt man, wie für die junge Frau eine ganze Welt zusammenbricht und eine neue entsteht. Soji muss damit zurecht kommen, dass all ihre Bezugspersonen sich als virtuell herausstellen und dass ihr verständnisvoller Liebhaber innerhalb von Sekunden zu ihrem Mörder wird. Das ist emotional eindringlich erzählt und bringt die Handlung gleichzeitig ein großes Stück voran.

Picard ist derweile ebenfalls mit einer großen emotionalen Herausforderung konfrontiert. Er wurde einst selbst von den Borg assimiliert, konnte aber rasch gerettet werden. Im Borg-Kubus kommen alte Ängste wieder hoch, die erst durch das Auftauchen Hughs als Leiter des menschlichen Teils des Forschungsprojekts aufgelöst werden. Dieser Handlungsabschnitt bringt Picard dem Zuschauer unter zwei Perspektiven näher. Auf der einen Seite erfährt man, wie traumatisch der Assimilationsprozess für Picard auch nach Jahrzehnten noch ist. Auf der anderen Seite erleben wir hier einmal mehr wie selbstzentriert und empathielos sich der einstige Captain der Enterprise auf seine alten Tage verhält. Zunächst geht er mit keinem Wort auf die emotionalen Schmerzen ein, die seine einstige Adjutantin Raffi ganz offensichtlich empfindet. Während er Dr. Jurati noch über den Verlust ihres Ex-Partners Maddox in der vorherigen Folge hinwegtrösten kann, beklatscht Picard Raffi dafür, dass sie ihrer ältesten Freundin unter dem Verlust der gemeinsamen Freundschaft ein Diplomatenvisa abgerungen hat. Dass Raffi zudem von ihrem einzigen Sohn zurückgewiesen wurde, interessiert den alten Offizier nicht einmal. Ähnlich verhält es sich im Borg-Kubus. Zunächst zeigt Hugh Picard wie viel in dem Projekt für die einstigen Opfer der Borg getan wird. Jahrzehnte nach seiner Assimilation zeigt sich Picard offen überrascht, ist begeistert darüber, dass das Projekt die Opfer der Borg zeigt und nicht nur die namenlosen Mörder, die assimilierte Borg darstellen. Da er selbst einst für kurze Zeit assimiliert wurde, verwundert diese Überraschung sehr. Man erwartet eigentlich, dass ein aufmerksamer Mensch über solche Vorgänge informiert ist und nicht Hughs Bitte benötigt, um sich öffentlich für das Wohl ehemaliger Borg einzusetzen. Kurz darauf erwartet Picard von Hugh, dass dieser ihm hilft, ohne auch nur die kleinste Informationen über Soji und Picards Mission zu erhalten. Das ist verständlich, denn die Zeit drängt und Sojis Mörder haben sich längst in Position gebracht. Auf der anderen Seite hat Picard explizit vermieden, Leute auszunutzen, die ihm einzig und allein aus alter Loyalität folgen würden. Stattdessen ging es ihm mehrere Episoden lang darum, Begleiter zu finden, die für die Sache eintreten. Hugh bringt sich sowie das gesamte Borg-Hilfsprojekt in Gefahr, um seinem alten Freund zu helfen. Das grenzt in dieser Episode sehr an Ausnutzung. „Die geheimnisvolle Box“ ist daher nicht nur spannend, sondern zeichnet weiterhin ein differenziertes Bild von Picard, der auf seiner Hilfsmission die Gefühle und das Schicksal all seiner Weggefährten völlig aus den Augen verliert.

Raffi, Captain Rios, Dr. Jurati und Elnor bleiben zwar den Großteil der Episode Nebendarsteller, erhalten aber alle eine einschlägige Szene. Die Atmosphäre an Bord der „La Sirena“ wird dadurch immer überzeugender. Am Ende ist ihr Schicksal ungewiss. Insofern nutzt „Die geheimnisvolle Box“ das Potential seines Casts sehr gut: Sie treiben die Handlung voran (z.B. wenn Raffi ein Diplomatenvisum erpresst) und sorgen gleichzeitig für Spannung (z.B. wenn Elnor auf dem Kubus zurück bleiben muss). Alles in allem ist „Die geheimnisvolle Box“ die bisher spannendste, ereignisreichste und emotionalste „Star Trek: Picard“-Episode. Sie unterhält damit weiterhin auf hohem Niveau und treibt das Interesse darüber, wohin die Handlung steuern mag, auf einen neuen Höhepunkt.

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