Keine Gnade (Star Trek: Picard, Episode 1×05)

(Orig. Titel: Stardust City Rag)

Picard und seine Besatzung erreichen Freecloud. Auf diesem Kasino-Planeten hält sich Bruce Maddox auf. Nachdem der Tal Shiar sein Labor zerstört hat, wurde er von der Patin Bjayzl festgehalten. Maddox hat vermutlich aber essentielle Informationen über den Verbleib der in Lebensgefahr schwebenden Soji. Bjayzl ist dafür bekannt ein gesteigertes Interesse an ehemaligen Borg zu haben, deren übrig gebliebenen Komponenten sie ohne Rücksicht auf die daraus entstehenden Schmerzen entfernt und weiter verkauft. Seven of Nine, die durch Zufall zu Picards Team gestoßen ist, bietet sich als Lockvogel an, um Maddox zu erhalten. Raffi erarbeitet eine komplexe Scharade, um Bjayzl zu täuschen. Sie selbst nimmt daran aber nicht Teil: Sie hat einen eigenen Plan auf Freecloud und verlässt die Crew. Werden Picard und seine Getreuen Zugang zu Maddox erhalten und endlich Sojis Fährte aufnehmen, um sie vor dem Tal Shiar zu retten?

Nie war eine „Star Trek“-Episode so brutal wie diese. Es spritzt nicht nur viel Blut, sondern Folter und skrupellose Morde werden in erschreckender Explizität gezeigt. Das „Star Trek“-Universum ist seit Picards Rücktritt deutlich grauer geworden. Picard mag es in dieser Folge vielleicht gelingen, seinen Optimismus hoch zu halten, dem Zuschauer gelingt dies nur begrenzt. Selbst Figuren, wie z.B. Seven of Nine oder Wissenschaftler des Daystrom Instituts, die einst in „Star Trek“ meist integer dargestellt wurden, scheuen kaltblütige Morde nicht mehr. Hoffentlich wird diese Gewalt noch ein Teil der Handlung und spiegelt nicht „nur“ das Verständnis modernen Erzählens der Autoren wieder.

Andererseits ist Seven of Nines Geschichte durchaus bewegend. Sie schloss sich einer Gruppe Ranger an, die die zerfallene neutrale Zone patroullierte und für Ordnung sorgte. Dafür stellen sie sich vielleicht übers Gesetz, ihre Motivatoin ist jedoch ehrbar. Auf einer ihrer Missionen lieferte Seven unbewusst ihren engsten Freund, den ebenfalls einstigen Borg Ichneb an Bjayzl aus. Ichneb wird von Bjayzls Medizinern ohne irgendwelche Betäubung um seine Borg-Komponenten gebracht und dadurch beinahe zu Tode gefoltert. Als sie zu seiner Rettung kam, blieb ihr nur noch übrig den gefolterten Ex-Borg von seinen Schmerzen zu erlösen. Diese bewegende, aber auch eckelerregende Szene setzen die Autoren geschickt an den Beginn der Episode. Ihr Wunsch nach Rache ist daher verständlich und zeigt wie Rechtlosigkeit auch in den integersten Charakteren den Drang nach Selbstjustiz weckt. Ihr Einsatz für ihr Verständnis von Gerechtigkeit gibt der Episode viel Energie. Jeri Ryan gelingt es zudem sehr gut die Tragik Seven of Nines schauspielerisch umzusetzen.

Raffis Geschichte wiederum überzeugt nicht ganz. Picards einstige Adjutantin folgte ihrem einstigen Chef lediglich um nach Freecloud zu gelangen. Es stellt sich heraus, dass hier ihr Sohn wohnt, der seiner Mutter ihre Verschwörungstheorien und ihren Drogenkonsum nicht verzeihen mag. Da Raffi zwar den Drogen, nicht aber ihren (scheinbar ja gerechtfertigten) Theorien über romulanische Aktivitäten in der Föderation abgeschworen hat, ist eine Versöhnung der beiden nicht möglich. Das ist vorhersehbar und man fragt sich, was sich Raffi wohl erhofft haben mag. Auch wenn die entscheidende Szene gelungen gespielt ist, wirkt diese Wendung etwas zu viel des Guten.

Immerhin ist Raffi nun anscheinend ein permanenter Teil Picards Crew. Das ist gut, denn in der Vorbereitung für die große Täuschung Bjayzls macht sie einen ausgesprochen guten Job. Dank sie gelangen sowohl Captain Rios als auch Picard in leidlich unterhaltsame Rollen. Die Konfrontation mit dem Verbrechersyndikat Bjayzls ist sehr spannend und die Konfrontation temporeich erzählt. Mit diesem Einsatz kommt die Handlung der Serie endlich einen großen Schritt voran: der befreite Maddox verrät Picard, wo sich Soji aufhält und dass er sie auf den Borg-Kubus der Romulaner entsandt hat, um die Wahrheit hinter der Kampagne gegen synthetisches Leben zu erfahren.

Das Ende der Episode konkurriert mit den ähnlich brutalen Bildern Ichnebs Tod. Dr. Jurati stellt sich, nicht gänzlich unvorhergesehen, als eine Doppelagentin heraus. Die von Romulanern unterwanderte Admiralin Oh scheint sie davon überzeugt zu haben, dass synthetisches Leben eine große Gefahr darstellt. Deswegen lässt Jurait Maddox auf jämmerliche Art sterben, indem sie dessen Lebenserhaltungssysteme abstellt. Dieser Mord ist plump, brutal und feige, zumal sich in dieser Episode herausstellt, dass Maddox und Jurati ein Paar waren. Und so spannend dieses Ende ist, so ärgerlich ist es. Denn Dr. Jurait ist bis zu diesem Zeitpunkt ein ausgesprochen sympathischer und überzeugender Charakter, der sich hier moralisch so verwerflich verhält, dass sie über kurz oder lang wohl aus der Serie ausscheiden muss. Angesichts der Schwere der Tat bleibt zu hoffen, dass auch dieser Gewaltakt noch handlungsrelevant wird und nicht einfach als Showelement für einen Cliffhanger gesorgt hat, der in der Folge keine inhaltliche Auseinandersetzung folgt. In anderen Worten: Hoffentlich thematisiert „Star Trek: Picard“ in den verbliebenen fünf Episoden die exessive Gewaltanwendung seiner Protagonisten.

„Keine Gnade“ hält, was der Titel verspricht: In dieser Folge wird wortwörtlich über Leichen gegangen. Das ist fesselnd und spannend und bringt die Handlung so weit voran, wie keine andere „Picard“-Episode zuvor. Gleichzeitig steigt die Nervosität, wohin die Serie inhaltlich eigentlich steuert. Bisher ist Picard weiterhin auf einer Mission, die eine Person retten soll. Dabei sind mittlerweile zahlreiche Menschen und Wesen in einem Umfeld gestorben, dass man von vorherigen „Star Trek“-Serien kaum mehr wieder erkennt. Neben der tatsächlichen Spannung, die aus der Bedrohung durch den Tal Shiar, den Zhat Vash und die Verschwörung gegen synthetisches Leben entsteht, gesellt sich gerade durch diese packende Episode zunehmend die subjektive Spannung, welche inhaltliche Botschaft „Star Trek: Picard“ mit seiner ersten Staffel eigentlich hinterlassen möchte und wird.

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