Collateral Damage (von David Mack)

Die Föderation steht auf dem Kopf. Der Kampf gegen die Geheimorganisation Sektion 31 hat ein unglaubliches Maß an Verbrechen enthüllt, auf deren Grundlage die Föderation entstehen konnte. Noch bestürzender ist jedoch, dass weite Teile der Sternenflotte wissentlich oder unwissentlich mit Sektion 31 zusammengearbeitet haben. In einer der Verschwörungen wurde gar Präsident Zife abgesetzt und kurz nach seinem Rücktritt von Attentätern der Sektion ermordet. Da Captain Picard an der Absetzung Zifes beteiligt war, muss er sich einer formalen Untersuchung der Sternenflotte stellen. Die Konsequenzen sind enorm: Picard muss nachweisen, dass er tatsächlich im Rahmen der Gesetze und im Sinne der Föderationswerte dem Präsidenten zum Rücktritt geraten hat. Seine Anklägerin ist Phillipa Louvois, mit der er bereits mehrfach juristisch aneinandergeraten ist. Sie ist überzeugt, dass Picard von den Machenschaften der Sektion wusste. Das Verfahren droht in einen Hexenprozess auszuarten.

Der zwielichtige Föderationsagent Thadiun Okona verliert derweil eine mächtige Waffe der Husnock. Er wollte sie eigentlich als Lockvogel einsetzen, um dem Orion-Syndicat einen Schlag zu versetzen. Stattdessen überraschten ihn eine Gruppe Nausicaaner. Sie sinnen auf Rache an der interstellaren Gemeinschaft: Bei der Invasion der Borg wurde Nausicaa nicht verteidigt und weitgehend zerstört. Da der Planet keinem der großen Bündnisse angehörte, gab es auch keine Rettungs- und Terraforming-Projekte nach der Invasion. Die Gruppe bringt sich in Position, um die Waffe gegen die Erde einzusetzen. Worf hat während Picards Verfahren das Kommando über die Enterprise inne und wird von der Sternenflotte damit beauftragt, die Aktivitäten der Nausicaaner zu untersuchen. Die Enterprise wird nicht darüber informiert, dass die Nausicaaner über die Husnock-Waffe verfügen. Im Gegenteil: Der Geheimdienst möchte das Ausmaß ihrer Fehlleistung möglichst verdeckt halten. Worf sieht sich daher bald gezwungen, seine Befehle zu ignorieren, um die Erde zu retten.

Der stärkste Teil des Romans ist die Spionagehandlung um Thadiun Okona. Mack inszeniert den Doppelagenten der Föderation als bunten Vogel und Lebemann. Ihm gelingt es dabei genau das richtige Maß zwischen Okonas Fehltritten und Glanzleistungen zu finden. Der Roman dreht sich darum, dass Okona eine Situation völlig falsch einschätzt. Die Husnock Waffe hat apokalyptische Ausmaße, es wäre daher völlig fahrlässig sie zu verlieren. Daher ist die Prämisse des Romans, dass ausgerechnet diese Waffe als Lockvogel für das Orion-Syndicat eingesetzt wird, etwas unglaubwürdig. Andererseits macht wahrscheinlich erst diese Waffe den Deal in den Augen der Orioner glaubwürdig. Man merkt Okona auf jeden Fall an, dass er sich trotz seines permanent zur Schau gestellten Zynismus um die fatalane Auswirkungen seines Fehlers sorgt. Und man merkt ihm an, dass er sehr gerne einer anderen Tätigkeit nachgehen würde und aus dem Geheimdienst ausscheiden würde. Dieser Zwiespalt sowie sein ständiges und unangemessenes Flirten mit der Sicherheitsoffizierin der Enterprise machen Okona zu einer interessanten Person. Dass seine Pläne darüber hinaus auch noch undurchschaubar sind und am Ende sowohl auf privater als auch auf professioneller Ebene zum Erfolg führen, machen seinen Handlungsabschnitt nur noch gelungener.

Ähnlich überzeugend ist die Handlung der Enterprise. Die Besatzung ahnt rasch, dass ihnen etwas verschwiegen wird. Und das sorgt verständlicherweise für viel Unmut in der Crew. Worf als (Ersatz-)Captain zu erleben, ist angenehm. Die Perspektive der Sicherheitsoffizierin auf den nervigen, aufdringlichen und dennoch verschwiegenen Geheimdienstler in ihren Reihen ist amüsant. Geordi muss leider relativ früh auf einem von den Nausicaanern angegriffenen Außenposten zurückbleiben, um Schäden zu beheben. Angesichts der vielen Handlungsebenen des Romans, ist das beinahe etwas viel. Es ist aber für Mack notwendig, um einen spannenden Höhepunkt zu konstruieren und daher verzeihlich. Die Handlung lebt aber in erster Linie von der eigentlich unauflösbaren Situation. Die Nausicaaner sind im Besitz einer kaum zu schlagenden Waffe. Solange sie sie richtig einsetzen, sind sie geradezu unbesiegbar. Gleichzeitig verfolgen sie keinerlei konstruktive Ziele. Ihre Heimatwelt ist zerstört, der Großteil ihres Volkes ist tod. Daher sind sie nicht an Verhandlungen interessiert und wollen vor ihrem Ende einfach nur so viel zerstören wie möglich. Die Situation kann eigentlich nur gewaltsam enden. Unerwartet ist es ausgerechnet der gelegentlich doch etwas impulsive Worf, der am Ende ein „Star Trek“-typische Verhandlungslösung ins Spiel bringt und auch erfolgreich umsetzt. Das bringt die spannende Handlung zu einem überraschenden und überzeugenden Abschluss.

Picards Verfahren ist eigentlich ewas absurd. Louvois nimmt ihn, vor allem aus persönlichen Animositäten, in die Mangel. Sie hat das erklärte Ziel, den dekorierten Captain der Enterprise am Besten für den Rest seines Lebens hinter Gittern zu bringen. Das ist aus mehreren Gründen unwahrscheinlich. Erstens wirkt es merkwürdig, dass die Föderation sich angesichts des Ausmaßes der Sektion 31 ausgerechnet auf Captain Picard konzentriert. Die öffentliche Meinung müsste sich entweder einer breiten Aufarbeitung stellen oder aber gar die Werte des Staatenbundes an sich hinterfragen. Dass man umgehend mit der kleinteiligen Aufarbeitung einzelner Sektion 31 Aktionen beginnt, erscheint unwahrscheinlich. Zweitens war Captain Picards Druck auf Präsident Zife davon motiviert, einen Krieg mit den Klingonen zu verhindern. Zife selbst hatte illegal Waffen an Gegner der Klingonen liefern lassen. Die Absetzung hatte also zum Ziel, Zifes Verbrechen zu vertuschen und nicht etwa einen Präsidenten mit reiner Weste zu töten. Nach dem Dominion-Krieg und der Borg-Invasion müsste allen Föderationsbewohnern klar sein, dass sie Picard viel verdanken. Die öffentliche Meinung müsste sich also geradezu gegen das Verfahren stemmen. Zuletzt sind Louvois Tiraden ausgesprochen hahnebüchen. Sie führt in dramatischer Form eine Verfehlung Picards nach der anderen auf. Viele ihrer Anschuldigungen sind leicht zu widerlegen und haben kaum einen strafrechtlich relevanten Kern. Das Verfahren erinnert dadurch von Anfang an an einen Schauprozess und es ist unverständlich, dass sowohl die Sternenflotte als auch die zivile Führung das zulassen. Auch die eigentlich angestrebte, spannende Auseinandersetzung über das Verhältnis zwischen militärischen und demokratischen Überlegungen innerhalb der Sternenflotte bleibt allenfalls oberflächlich.

Mack ist sich dieses Problems bewusst. Daher argumentiert er im Roman, dass der Druck nach der Enthüllung Sektion 31s, möglichst schnell Schuldige zu finden, extrem hoch ist. Das ist aber wenig übezeugend, schließlich sind Dutzende anderer Offiziere viel mehr mit der Sektion 31 verstrickt gewesen. Trotzdem unterhalten die Passagen des Verfahrens. Durch die Verhandlung wird „Collateral Damage“ zu einer Tour de Force durch den „Next Generation“-Relaunch. Das ist hauptsächlich nostalgisch, durch die neue Serie „Star Trek: Picard“ sind alle Ereignisse, die in diesem sehr gelungenen Relaunch erzählt wurden, Makulatur. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass „Collateral Damage“ der letzte Roman dieses Erzählstrangs, dieser Version von Picards-Altersbiograhpie ist. Der Handlungsstrang gibt Mack zudem die Gelegenheit zu zeigen, dass es außer Louvois in der Sternenflotte wenig Akteure gibt, mit denen Picard es sich verscherzt hat. Stattdessen arbeiten verschiedene Admirale, unter anderem Admiral Riker, daran, entlastendes Material zu finden. Das ist solide erzählt und bringt noch einmal viele Akteure aus dem „Next Generation“-Universum zusammen.

Alles in allem ist „Collateral Damage“ zur Hälfte ein solides Geheimdienstabenteuer mit Einbindung der Enterprise und zur anderen Hälfte eine nostalgische Rückschauf auf den unter einer ungewissen Zukunft leidenden „Next Generation“-Relaunch. Fans dieser Reihe werden gut unterhalten, „Collateral Damage“ verdeutlicht wie sehr die kurzweiligen, gefälligen Romanabenteuer, die bis vor wenigen Jahren noch monatlich erschienen fehlen. Sie sind mittlerweile zu einem Ausnahmeereignis geworden, die neuere „Star Trek“-Literatur ist wieder daran gebunden, nur kosmetisches Beiwerk zu den laufenden Serien „Discovery“ und „Picard“ zu produzieren. Dies ist meist uninsipiriert, schließlich darf weder etwas langfristig verändert werden, noch der Erzählraum der Serie eingeengt werden. „Collateral Damage“ zeigt, wie viel bessere Geschichten „Star Trek“ in Romanform mit mehr Freiraum erzählen kann. Aufgrund dieses nostalgischen Aspekts, der angemerkten inhaltlichen Schwächen und den endlosen Referenzen auf vorherige Werke der Reihe, ist der Roman dennoch hauptsächlich für treuere Anhänger der Buchreihe interessant und unterhaltsam.

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