Authority (von Jeff VanderMeer)

John Rodriguez übernimmt unter dem Kennnamen „Control“ die Direktion der Southern Reach Behörde. Hier untersucht man das mysteriöse Areal X, ein Gebiet, das 30 Jahre zuvor plötzlich von der Außenwelt abgeschnitten wurde und nur durch eine kleine Öffnung in einer mysteriösen Barriere betreten werden kann. Die Behörde hat zahlreiche Missionen in das Gebiet entsandt. Alle Teilnehmer kehrten ohne Erinnerung wieder und starben oft kurz danach an einer plötzlichen Krebserkrankung. Die jüngste Mission war wieder ein Fehlschlag. Dabei hat sogar die vorherige Direktorin der Behörde an dieser Mission teilgenommen. Sie kam als einzige Teilnehmerin nicht zurück. Control konzentriert sich in erster Linie auf die zurückgekehrte Biologin, die als einziges Mitglied nicht in ihrem alten Haus wieder aufgetaucht ist. Seine Arbeit wird von zwei Seiten erschwert. Auf der einen Seite stößt er auf den erbitterten Widerstand der stellvertretenden Direktorin Grace Stevenson, die sich selbst Chancen auf den Chefposten ausgerechnet hatte. Auf der anderen Seite ist er Teil einer Subgruppe innerhalb der Sicherheitsverwaltung des Landes, die ihn dazu drängt, möglichst rasch neue Erkentnisse über das Areal X und die Behörde zu gewinnen. Und zu allem Überfluss findet Control in jeder Abteilung seiner Behörde ein neues Rätsel und neue Fragen.

„Authority“ macht eine wissenschaftliche Behörde zum Ort einer spannenden, schaurigen und verstörenden Handlung. Der Roman beginnt gemächlich, beinahe quälend langsam. Control erfährt bereits an seinem ersten Arbeitstag, dass er in Grace eine ernstzunehmende Gegenspielerin hat. Doch die Auseinandersetzung erscheint zunächst wie ein einfacher Hahnenkampf zwischen wie Beamten. Control braucht eine Weile, um die verwinkelte und durchorganisierte Behörde und vor allem ihre einzelnen Abteilungsleiter kennenzulernen. Jeder Charakter ist ein wenig schräg, da es sich aber um eine dem Geheimdienst unterstellte, wissenschaftliche Behörde handelt, ist das nicht weiter überraschend. Das aus dem Vorgänger bekannte Areal X ist zwar vor der Tür, aber weit genug entfernt, um keine unmittelbare Bedrohung zu sein. Hier wird die Erkundung des unbekanten Gebiets verwaltet, nicht selbst betrieben. Doch was als Animositäten zwischen einzelnen Beamten startet, entwickelt sich bald in eine Schauergeschichte. Denn während sich Control mühsam einen Überblick über die einzelnen Aspekte der Southern Reach Mission verschafft und währenddessen die Biologin (und Handlungsträgerin des Vorgängers) über ihre Erfahrungen befragt, geschehen seltsame Dinge. Für Control ist es nicht klar, ob seine Vorgesetzten ihn hypnotisiert haben, ob seine Mitarbeiter gegen ihn arbeiten oder ob er unter dem Einfluss des Areals steht. Im Verlauf der Handlung verschwindet die Grenze zwischen Realität und Wahn Stück für Stück. Niemand in der Regierung weiß, ob das Areal X ein Vorbote einer außerirdischen Invasion ist, eine Dimensionsverschiebung oder eine merkwürdige optische Täuschung. Je näher das Areal an die Arbeit der Behörde rückt, je mehr Control herausfindet und dabei doch nur auf weitere Fragen stößt, desto spannender und gruseliger wird der Roman.

Während sich die Ereignisse in und um die Behörde herum überschlagen, erfährt man zudem mehr über Controls Charakter. Der Direktor wirkt zunächst ausgesprochen stereotyp. Im Verlauf des Romans erfährt man jedoch von seiner skurrilen Herkunft aus einer Agentenfamilie, seine Fehlschläge während früherer Missionen und die komplexe Verschwörungsstruktur, in die er innerhalb des Geheimdienstes eingebunden ist. Ein zentraler Punkt ist dabei seine Mutter, die die Familie früh für ihre Spionagetätigkeit vernachlässigt hat, um deren Liebe Control als Kind kämpfte und für deren Ziele er sich nun einspannen lässt. Dabei wird überdeutlich, dass Control allein ist. Sein Vater ist verstorben und seiner Mutter kann er nicht trauen. Dadurch sind die Eltern, eigentlich die nächsten Bezugspersonen, für ihn Mysterien. Für seine Mutter soll er das Mysterium um die Southern Reach Mission aufklären und verläuft sich dennoch in immer skurrileren Phänomenen. Je feiner Controls Hintergrund ausgearbeitet ist, desto mehr fiebert man mit seiner Arbeit in der Behörde mit. Es ist also eine gute Seite des Romans, dass sein Charakter viel mehr Platz erhält, als z.B. der Hintergrund der Biologin im vorherigen Teil.

Andererseits liefert „Authority“ keinerlei Antworten auf die Hintergründe des Areal X. Eigentlich gibt es überhaupt keine Antworten. Man erfährt weder wie die einzelnen Abteilungsleiter mit ihrem merkwürdigen Verhalten von dem Areal beeinflusst wurden, noch was genau Controls Mutter dazu angetrieben hat, sich einer Verschwörung um die Mission anzuschließen. Diese Abwesenheit definitiver Antworten, der Fokus des Romans auf Atmosphäre und Schauermomenten kennt man bereits aus dem Vorgänger. VanderMeer verwandelt hier vielmehr eine rationale, auf Regeln basierende Bürokratie in einen Ort des Wahnsinns. In der Behörde tritt der Einzelne hinter seiner Funktion zurück und wird im Verlauf der Zeit von ihr übernommen. Indem er den Lebenslauf der Biologin und ihrer Gegenspielerin im vorherigen Teil der Psychologin bzw. wie sich nun herausstellt, der vorherigen Direktorin, rekonstruiert, erfährt er mehr über das Schicksal, das ihm droht bzw. ihm vorbehalten ist. Für jede Erkentnis, die Control dabei erhält, erlebt er eine Wahnvorstellung. Am Ende lässt sich alles und gar nichts mehr erklären und es öffnet sich ein Weg in die unbekannte Welt des Areal X. Dieser Trip von der angeblich am rationalsten geplanten menschlichen Organisationsform, der modernen (Militär)Verwaltung, zu Kollaps der Unterscheidung zwischen Realität und Wahn ist spannend, verstörend und wegen dieser packenden Atmosphäre und der stärkeren Charakterarbeit als im Vorgänger sehr gelungen – solange man sich mit Antworten auf die Hintergründe des mysteriösen Areal X bis zum dritten und letzten Band der Trilogie gedulden kann.

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