Das fremde Ich (von Christian Schwarz / Maddrax Band 517)

Rulfan fühlt sich in der Dimension, in der er gelandet ist alles andere als wohl. Das ist nicht besonders überraschend, schließlich ist er in dieser Welt schon lange tot. Um sich mit der alternativen Version seiner selbst auseinanderzusetzen, sucht er dessen alten Wohnort in Canduly Castle auf. Mittlerweile Haus Greega auf der alten Burg. Greega kann mit Tieren kommunizieren und um sich vor Feinden zu schützen hetzt er seit einer schlechten Erfahrung mit örtlichen Reenschas Tiere auf alle Eindringlinge. Bald muss sich Rulfan also einer Übermacht aus Ratten erwehren. Derweil bereitet Colonel Kormak, der das Kommando über die Reenschas übernommen hat, einen Angriff auf den Hort des Wissens vor.

„Das fremde Ich“ ist eine spannend und unterhaltsame Erzählung darüber, wie sehr unnötige Grausamkeit auf lange Sicht den eigenen Zielen schadet. Die Reenschas behandeln Greega auf der Durchreise schlecht. Dieser übt Rache, indem er sie von Canduly Castle mit seinen Ratten und Vögeln vertreibt und sich dort selbst niederlässt. Doch von Beginn an ist klar, dass es Rulfan gelingen wird, Greega in die Auseinandersetzung zwischen den Reenschas und dem Hort des Wissens einzubinden. Zunächst beschreibt Schwarz überzeugend, wie Rulfan das Vertrauen des menschenscheuen Greegas erwirbt. Das gelingt vor allem weil Rulfan über den brutalen Mord an seinem Reitpferd hinwegsieht und stattdessen den Menschen in Greega erkennt. Diese Art durch Vertrauensvorschuss Vertrauen zu erwerben, ist recht überzeugend. Die dahin führenden hektischen Szenen, in denen sich Rulfan einer Übermacht an Ratten erwehren muss, sind zudem sehr spannend inszeniert. Der einzige Makel der Erzählung ist wie rasch Greega bereit ist, einen seiner engsten tierischen Vertrauten im Kampf gegen die Reenschas zu opfern. Abgesehen davon ist Rulfans Reise nach Canduly Castle atmosphärisch stimmig, mit den Ratten angenehm schaurig und in der zwischenmenschlichen Beziehung, die er zu Greega aufbaut, ausgesprochen überzeugend.

Kormak hat erst vor kurzem die Kontrolle über die Reenschas erlangt. Gleich bei seinem ersten Einsatz verliert der Colonel diese Kontrolle wieder. In seinem Drang, so rasch wie möglich sein Herrschaftsgebiet auszudehnen, übernimmt er sich und scheitert an den geheimen Waffen des Hort des Wissens. Das ist wirklich ausgesprochen dämlich. Denn Kormak verkündet seiner Truppe selbst, dass im Hort mächtige Waffen warten, die es den Reenschas ermöglichen werden, ganz Großbritannien zu erobern. Auf die Idee, dass die Bewohner des Horts diese Waffen selbst zu ihrer Verteidigung einsetzen könnten, kommt er nicht. Das ist ausgesprochen fahrlässig. Und daher wird er auch umgehend wieder des Kommandos enthoben und festgesetzt. „Das fremde Ich“ markiert dementsprechend auch den Tiefpunkt des Charakters Kormak. Seine Pläne sind mittlerweile so simpel, dass sie geradezu lachhaft sind. Dem Roman tut dies aufgrund der starken Nebenhandlung glücklicherweise keinen Abbruch. Trotzdem bleibt zu hoffen, dass der nächste Auftritt des Colonels etwas überzeugender und ausgefeilter ist als seine bisherigen, primitiven Hau-Drauf-Methoden.

Alles in allem ist „Das fremde Ich“ aber eine ausgesprochen interessante Mischung aus hektischen Kampf- und Verfolgungsszenen, einem atmosphärisch dicht beschriebenen, schaurigen Schloss, in dem Rulfan mehr über sein Alternativ-Ich erfährt und einem überzeugenden, menschelnden Handlungsstrang. Diese Mischung ist spannend und aufgrund der großen Handlungsdichte auf engem Raum sehr unterhaltsam. Der „Parallelwelt“-Zyklus zeigt mit „Das fremde Ich“, dass „Maddrax“ derzeit zwar sehr gelungene Geschichten mit Dimensionsverschiebungen erzählt, dass aber auch die „klassischen“ Abenteuer weiterhin genauso überzeugend sein können.

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