Die Gräber von Atuan (von Ursula K. Le Guin)

(Die Rezension basiert auf der 2018 erschienen, neu illustrierten, englischen „Earthsea“-Gesamtausgabe.)

Als Kind wird die junge Tenar von Priesterinnen der Gräber von Atuan als Reinkarnation ihrer Verstorbenen Hohepriesterin erkannt. Ihr Leben verändert sich dadurch dramatisch. Sie wird von der Außenwelt abgeschirmt in einem Tempel als Arha erzogen und auf ihre zukünftige Rolle vorbereitet. Ein Teil ihrer Ausbildung ist unter anderem, dass sie Gefangene in den Gräbern dem Hungertod über lassen muss. Tenar fügt sich in ihre Rolle, vergisst ihre Herkunft und auch ihren ursprünglichen Namen. Doch im Laufe der Zeit merkt sie, dass die „Namenlosen“, denen die Gräber huldigen, gar nicht von allen Menschen verehrt werden. Und als ihre größte Rivalin für ein Sakrileg ungestraft bleibt, gerät Arhas Weltbild ins Wanken. Dieser Prozess wird beschleunigt, als ein Zauberer es in die bestens geschützten Gräbern schafft und versucht, einen zentralen Teil des dort versteckten Schatzes zu rauben.

Wie im Vorgänger lernt man diesen Teil der Erdsee-Welt aus der Perspektive einer Person kennen, die sich in ihm erst zurecht finden muss. Tenar findet eine starre Struktur vor, in der eine Gruppe Frauen für eine patriacharlische Gesellschaft einen einflussreichen Schatz behüten. Sie hat darin eine vorgefertigte Rolle, die sie erfüllen muss. Die Aufgaben, die sie erhält sind brutal. Regelmäßig muss sie die Gräber inspizieren, in denen Gefangene in ihrer Verantwortung verhungert sind. Dieses Trauma verfolgt sie bei jedem Gang in die Gräber. Ausgestattet mit einem neuen Namen, vergisst Tenar ihre Herkunft und fügt sich in ihre Rolle als Dienerin der Namenlosen Götter. Wie findet man in solch einer Situation eine eigene Persönlichkeit und Rolle?

Der Weg zur Selbstentwicklung beginnt damit, das als gottgegebene zu hinterfragen. Tenar ist schockiert als sie lernt, dass einige ihrer Mitpriesterinnen der Lehre der Namenlosen Götter skeptisch gegenüberstehen. Tenar kann diese Erschütterung noch verarbeiten. Doch unter der Leitungsebene der Priesterinnen gibt es Rivalitäten. Als sich eine ihrer ärgsten, brutalsten und Tenar nach dem Leben trachtenden Konkurrentinnen blasphemisch äußert und dafür von den Göttern nicht gestraft wird, ist ihr Weltbild noch stärker herausgefordert. Kurz darauf taucht der Protagonist und Zauberer Gant, aus „Der Magier der Erdsee„, auf. Er hat das unmögliche geschafft und ist in die bestens gesicherten Gräber vorgestoßen. Für die Priesterinnen und die herrschende Klasse ihres Reiches sind Zauberer der Inbegriff des Bösen. Tenar muss den Mann töten, doch aus seinem Mund erfährt sie eine alternative, optimistischere und vor allem Freiheit verheißende Sicht der Welt. Le Guin schildert in kleinen Schritten wie Tenar Skepsis gegenüber ihrer totalitären Erziehung entwickelt und beginnt, einzelne Aspekte davon zu hinterfragen. Gleichzeitig muss dieser Prozess nicht nur ein einem so brutalen und rigiden System wie das auf Atuan funktionieren. Tenars Entwicklung ist auch eine Allegorie auf jeden Prozess, in dem jugendliche ihre Rolle in der Welt hinterfragen.

Dabei ist dieser Entscheidungsweg für einen Jugendroman ausgesprochen tragisch. Tenar wird bereits von einem Trauma und Schuldgefühlen wegen der Exekution der Gefangenen verfolgt. Es ist für sie nicht einfach, damit umzugehen. Der nächste Schritt bedeutet jedoch den Bruch mit ihrer Ersatzfamilie. Es wird danach keine Rückkehr geben. Und noch schlimmer: Ihr einziger Vertrauter, ein Eunuch, der ihre jahrelang diente, stellt sich ihr dabei in den Weg. Dieser emotionale Seite, den eigenen Weg, die eigene Freiheit, gegen Widerstände verteidigen zu müssen, ist knapp und eindringlich dargestellt. Wie der Vorgänger, lebt nämlich auch „Die Gräber von Atuan“ von seinem epishcen und präzisen Stil. Dieser gelungene Entwicklungsschritt krankt ein wenig an der Figur Gants. Es ist ein externer Anreiz, der Tenar mit ihrer Herkunft brechen lässt. Außerdem erfährt sie letztlich ausgesprochen wenig von Gant, sie folgt mehr einer Intuition als dass sie tatsächlich abwägt. Auf der anderen Seite ist Gants kurzes Plädoyer, dass sie frei in ihrer Entscheidung sei, aber überlegen soll, was die Namenlosen Götter – die zudem in den Gräbern gefangen sind und diese nicht verlassen können – ihr für all ihre Dienste und Unfreiheit je zurück geben werden, sehr überzeugend. Und tatsächlich zeigt Tenar selbst nach der Entscheidung noch Zweifel, die zeigen wie stark ihre indoktrinäre Erziehung ist.

„Die Gräber von Atuan“ ist kein besonders spannender Roman, bis auf den knappen Schluss gibt es hier kaum Hektik. Stattdessen erlebt man wie ein junges Mädchen ihrer Familie entrissen wird, von Priesterinnen indotkriniert wird und am Ende doch ihren eigenen Weg und Platz in der Welt findet. Der epische Stil wirkt hier manchmal etwas zu knapp, doch Tenars emotionale Entwicklung, das Entstehen ihres Wertekompasses und ihre Entscheidungen sind alle authentisch, zeichnen die Entwicklung des jungen Mädchens zu einem eigenständigen Charakter gut nach und bewegen in den Konsequenzen ihrer Taten. Als „Die Gräber von Atuan“ 1970 erschienen ist waren solch weibliche Charaktere gerade in der Phantastischen Literatur noch nicht üblich. Auch heute ist der Jugendroman sowohl unterhaltsam als auch in den Fragen, die er über gesellschaftliche Zwänge in der Erziehung und der Herausbildung unabhängiger Persönlichkeiten aufwirft, nachdenklich.

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