Der Magier der Erdsee (von Ursula K. Le Guin)

(Die Rezension basiert auf der 2018 erschienen, neu illustrierten „Earthsea“-Gesamtausgabe.)

Duny verfügt über mächtig magische Fähigkeiten. Doch in seinem kleinen Dorf gibt es niemand, der ihn in diesen unterrichten könnte. Als er mit einem intuitiven Zauberspruch sein Dorf vor Angreifern rettet, wird ein mächtiger Magier auf ihn aufmerksam. Er nimmt Duny als Schüler an und gibt ihm seinen wahren Namen Ged. Doch Ged ist bald mit seinem Lernfortschritt unzufrieden und wird daher auf eine angesehene Zaubereischule geschickt. Dort nimmt sein Ehrgeiz überhand und in einem Wettstreit beschwört Ged einen mächtigen Schatten, der nur unter hohen Verlusten vertrieben werden kann. Daraufhin flieht Ged für Jahre vor dem ihn verfolgenden Schatten bis er erkennt, dass ihm nur die Option bleibt, sich seinem Verfolger zu stellen.

„Der Magier der Erdsee“ ist in seiner Spannbreite ausgesprochen episch. Von einem kleinen Bergdorf reist Ged in die entlegensten Gegenden der Erdsee-Welt. Der Jugendroman ist dadurch episch in seiner Spannbreite, aber jede Station dient in erster Linie zur Befriedigung geradezu kindlicher Neugier: Ein neuer Ort, ein neues Abenteuer und die nächste Reise steht schon wieder an. Dennoch entgeht Le Guin der Gefahr, nur oberflächliche Ereignisse zu schildern. An jeder Station muss sich Ged erneut bewähren. Und dabei richtet sich die Stimmung immer weiter gegen ihn. Der mit vielen Fähigkeiten ausgestattete Junge scheitert an seinem eigenen Ehrgeiz. Da er den Spott älterer Schüler nicht ertragen kann, beschwört er großes Unheil auf, bei dem sogar Menschen zu Tode kommen. Spätestens ab diesem Moment ändert sich die Stimmung des Romans schlagartig: Die kindliche Neugier, der Optimismus auf eine glorreiche und mächtige Zukunft sind verschwunden, von diesem Punkt an ist jedes Abenteuer mit Geds Anstrengungen, am Leben zu bleiben, verbunden.

Im Kern geht es in dem Roman darum wie Ged lernt, mit der großen Macht, die er hat, umzugehen. Die Zauberer von Erdsee schränken sich selbst stark ein, nutzen ihre Fähigkeiten nur wenn es wirklich notwendig ist. Damit versuchen sie das Gleichgewicht der Welt aufrecht zu erhalten. Ged muss diese Lektion schmerzhaft lernen. Seine Abenteuer sind zahlreich, doch seine Flucht ist streckenweise schmerzhaft und einsam. Im Laufe des Romans lernt er den wahren Wert von Freundschaft kennen und findet auf diese Weise langsam heraus, dass sein Schatten keineswegs von seinen eigenen Gefühlen unabhängig agiert. Stattdessen ist es die Auseinandersetzung mit seinen eigenen Dämonen, die es ihm ermöglicht, den ihn verfolgenden Schatten zu besiegen. Diese Warnung vor Hochmut und übermäßigem Ehrgeiz, diese Lektion in Demut und Bescheidenheit kombiniert Le Guin mit ihrer wunderbar gezeichneten Erdsee-Welt zu einer mitreißenden Geschichte, die niemals oberlehrerhaft erscheint.

Le Guins Stil ist nicht nur überzeugend im erschaffen der fiktiven „Erdsee“-Welt. Sie vermischt den epischen Stil einer traditionellen Sage mit progressiven Elementen. Dies gelingt im Großen wie z.B. durch die Betonung der Selbsteinschränkung gegenüber den übereifrigen, gewalttätigen Helden klassischer Sagen und im Kleinen z.B. durch nicht weiße Handlungsträger (was zum Erscheinungsdatum 1968 in den USA noch ungewöhnlicher war als heute). Der Ton des Romans ist gleichzeitig abstrakt in der Schilderung des Umfeldes, in dem Ged sich bewegt, und unmittelbar in der Beschreibung von Geds Gemütszustand und verhindert dadurch ein abdriften in Oberflächlichkeiten. „Der Magier der Erdsee“ überzeugt im Aufbau, inhaltlich und stilistisch und unterhält in einer gelungenen Mischung aus warmen und dunklen Abenteuer-Episoden, die allesamt auf einen berührenden Höhepunkt zusteuern.

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