Caliban’s War (von James S.A. Corey)

Eine merkwürdige Alien-Materie breitet sich auf der Venus aus. Es ist noch unklar, was daraus entstehen wird. Klar ist aber, dass die Vorgänge die Machtbalance zwischen der Erde und dem Mars aus dem Gleichgewicht bringt. Denn während die menschlichen Kolonien im Asteroidengürtel und auf den verschiedenen Monden im Sonnensystem nach ihrer Unabhängigkeit streben, stehen die beiden Supermächte in ständigem Wettstreit miteinander. Beide Seiten fürchten, dass die Alien-Materie zu neuen Waffentechnologien führt. Der beängstigende Stillstand kommt in Bewegung als auf Ganymed ein von der Alien-Materie beeinflusstes Wesen auftaucht und sowohl die Erd- als auch die Mars-Truppen massakriert. Die Menschheit verliert mit Ganymed eines ihrer wichtigsten Zentren, um das Sonnensystem zu erschließen. Die Mars-Soldatin Bobbie Draper ist die einzige Überlebende aus dem Marscorps. Sie versucht herauszufinden, was mit ihrer Truppe geschehen ist. Der Botaniker Pax Meng verliert in den Ereignissen seine Tochter, die von einer unbekannten Seite während des Angriffes entführt wurde. James Holden ist noch immer traumatisiert von den Ereignissen im ersten Teil und macht es sich zur Aufgabe, die Personen, die hinter dem erneuten Ausbruch der Alien-Materie stecken, zur Verantwortung zu ziehen. Auf der Erde arbeitet die UN-Mitarbeiterin Chrisjen Avasarala fieberhaft daran, einen Krieg zwischen der Erde und dem Mars zu verhindern. Durch ihre Arbeit gewinnt sie zunehmend das Gefühl, dass Kräfte auf der Erde hinter dem Angriff stecken könnten. Für Avasarala ist jedoch klar, dass eine Zusammenarbeit der Supermächte die einzige Chance für die Menschheit ist zu überleben, sollte das Alien-Material auf der Venus so feindlich gesinnt sein, wie es den Anschein hat.

„Caliban’s War“ schließt direkt an die Ereignisse des ersten Teils an. Die Handlung spielt in einer extrem dichten, technisierten, aber vor allem realistischen und brutalen Welt. Die Menschheit hat mit großen Anstrengungen das Sonnensystem kolonisiert. Doch die Behausungen auf den lebensfeindlichen Monden sind karg und vor allem äußerst unsicher. Die Gesellschaften sind von großer Ungleichheit und einem ständigen Kampf um Ressourcen geprägt. Das ist einer der Gründe für das permanente Ringen zwischen dem Mars und der Erde und die Ursache dafür, dass sich die Randkolonien immer mehr nach Unabhängigkeit sehnen. Der erste Teil füllte diese Welt durch seine starken Charaktere mit Leben. Das ist auch in „Caliban’s War“ der Fall: James Holden, Pax Meng, Bobbie Draper und Chrisjen Avasarala sind allesamt durch ihren beruflichen Hintergrund starke Typen. Wirklich vielschichtig ist jedoch ausschließlich Holden. Er hat durch seine Impulsivität und durch sein Trauma und Furcht, noch einmal eine ganze Kolonie durch eine Infektion mit der Alien-Materie sterben zu sehen, einen Hang zu unklugen Entscheidungen. Oft bereut er diese kurz danach wieder. „Caliban’s War“ ist für ihn jedoch eine große Herausforderung: Inmitten extremer Ereignisse, muss er seine eigene Balance wiederfinden. Das führt zu einigen starken Momenten. Meng, Draper und Avasarala treiben die Handlung ebenfalls voran und sind durch ihren Hintergrund interessant. Sie alle weisen aber kaum Schattenseiten auf und machen daher in der Erzählung kaum eine Entwicklung durch. Natürlich müssen Meng und Draper das Trauma, ihre Tochter bzw. ihr ganzes Bataillon verloren zu haben, verarbeiten. Das ist auch recht überzeugend und in gewisser Weise wachsen die beiden über sich hinaus. Dennoch wirken gerade diese beiden Protagonisten streckenweise etwas langweilig und verlangsamen die Handlung.

Diese startet mit dem Angriff auf Ganymed enorm schnell, hier wird ein enorm wichtiges Zentrum der menschlichen Weltraumgesellschaft in Windeseile zerstört. Doch dann verliert sich der Roman ein wenig in der Spurensuche. Der Leser weiß längst, was geschehen ist, während die meisten anderen Protagonisten noch ihrer Ahnung, dass etwas im Argen liegt, nachgehen müssen. Dabei wünscht man sich schneller etwas über die Hintergründe des Angriffes zu erfahren. Bald wird jedoch deutlich, warum Corey diesen Wunsch seinen Lesern nicht erfüllen kann. Die Handlung dreht sich in erster Linie um eine Intrige innerhalb der Erd-Streitkräfte. Würde man diese Intrige zu schnell enthüllen, wäre es um die Spannung des Romans geschehen. Tatsächlich zieht das Tempo nach einer langsamen und streckenweise etwas langatmigen ersten Hälfte deutlich an. Am Ende kommt es zu einer brutalen und hektischen Konfrontation zwischen dem Mars sowie loyalen Erd-Streitkräften und der intriganten Fraktion innerhalb der Erde. Das ist spannend, denn durch die mutierten, von der Alien-Materie beeinflussten Soldaten steht viel auf dem Spiel.

Dieser Höhepunkt ist sehr solide. Denn letztlich wird dem Leser hier einmal mehr vor Auge geführt, was der größte Feind des Menschen ist: Andere Menschen. Während auf der Venus ein potenziell tödliches Alien-Projekt voranschreitet, das über die unerklärliche Materie gar mit den von Erd-Soldaten erschaffenen Mutanten kommunizieren kann, geht es mächtigen Individuen in erster Linie darum, ihre eigene Stellung zu sichern. Dabei ist es unerheblich, ob dies aus eigennützigen Machtmotiven oder um Sorgen um den eigenen Staat geschieht. Am Stärksten ist dies als der leitende Admiral der abtrünnigen Erd-Fraktion merkt, dass sein eigenes Schiff von dem Alien-Material infiziert ist, die Mutanten nicht mehr kontrolliert werden können und er und seine Mannschaft verloren sind. Er ist umgehend bereit, seine gesamte Mannschaft zu opfern, um sich selbst zu retten. Da dies jedoch ein Infektionsrisiko für die Gegenseite bedeuten würde, kann ihm nicht geholfen werden. Bis zum Schluss kommt es zu keiner Einsicht: Das eigene Ego, das als absolut überlebenswert und wichtig anerkannt wird, kann sich dem eigenen Scheitern nicht stellen. Dies ist ein starker Moment, der zudem mit einer Wahnsinnstat einhergeht, die durch das Risiko der weiteren Verbreitung des Alien-Materials für einen Großteil der Menschheit den Tod bedeutet hätte. All das ist höchstspannend und macht überdeutlich, wie in internationalen Machtspielen in der Regel der relative eigene Vorteil über dem Gesamtnutzen steht. In „Caliban’s War“ illustriert Corey auf faszinierende Weise, vor allem in der starken, spannenden und von den Charakteren getriebenen zweiten Hälfte wie diese menschliche Grundeigenschaft im Angesicht einer elementaren Bedrohung für die Menschheit das Ende unserer Spezies beschleunigen könnte. Die Unfähigkeit, gemeinsam Probleme zu lösen bzw. gemeinsam eine Bedrohung abzuschätzen und sich zu verteidigen, ist nach Corey die größte Schwäche der Menschheit.

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