Der Palast der Meere (von Rebecca Gablé)

Palast der MeereEleanor Wahringham ist das „Auge“ Königin Elisabeths I. und damit ständig am Puls der Macht in England. Ihr Halbbruder Isaac hingegen ist ein Rumtreiber, der zu nichts zu gebrauchen ist. Als Isaac das Gut Waringham übernehmen soll, reist er aus und schleicht sich als blinder Passagier auf ein Freibeuterschiff. In den darauf folgenden drei Dekaden versucht Eleanor ihre Königin vor diversen katholischen Komplotten zu schützen, während Isaac ein bewegtes Leben zwischen Sklaverei und der Seefahrt führt. Am Horizont droht für beide dabei immer das mächtige spanische Reich und seine riesige Armada.

Rebecca Gablé legt mit dem vorliegenden Roman bereits den fünften Roman ihrer umfangreichen Waringham-Reihe vor. Einst kündigte sie nach der Schilderung der Rosenkriege an, die Handlung nicht weiter fortzuschreiben, da über die folgenden Jahrhunderte bereits zu viel geschrieben worden sei. Mit „Der dunkle Thron“ hat sie sich dennoch bereits einmal in die Zeit der Renaissance begeben. Damals stellte sie Henry VIII als einen grausamen und wankelmütigen König dar. Nach einem ungewöhnlichen Ausflug in das deutsche Frühmittelalter geht es nun wieder zurück in die Renaissance: Diesmal wird mit Francis Drake ein Held der englischen Geschichte kritisch dargestellt, während Elisabeth I als ein für Gable typischer starker, weiblicher Charakter angelegt ist.

In ihrer Darstellung ist nicht nur die Kritik an Francis Drake unerwartet. Gablé schilderte in ihren vorherigen Romanen durchaus penibel das Leben (und das Leid) in der jeweiligen Romanzeit. „Der Palast der Meere“ gibt erstmals einen sehr mobilen Eindruck. Charaktere wie Isaac aber auch andere Seefahrer bewegen sich mühelos zwischen verschiedenen Kontinenten. Auch die politischen Überlegungen sind deutlich komplexer geworden als zu Zeiten englischer Brüderkriege oder dem hundertjährigen Krieg.  Somit erhält der Roman eine räumliche Weite, die frühere Werke Gablés nicht aufweisen können. Der zentrale Gegner in diesem Roman ist das „papistische“ Spanien, das, vom Papst legitimiert, zur Weltmacht aufgestiegen ist. Das protestantische England sieht sich hingegen von verschiedenen katholischen Mächten bedroht. Mögliche Allianzen mit den protestantischen Staaten Nordeuropas erteilt Elisabeth eine Abfuhr: Sie müsste dafür heiraten und sich einem Mann unterwerfen. Insofern sind die Spanier, aber auch Maria Stuart und kleinere katholische Verbünde in Großbritannien eine ständige Bedrohung.

Die interessante Zweiteilung der Handlung auf zwei starke Charaktere macht den Roman zudem facettenreicher als die Vorgänger. Die Protagonisten schwächeln jedoch in zwei Punkte. Gables Hauptfiguren waren eigentlich immer herzensgute Menschen mit ein bis zwei kleinen Schwächen. Im Vorgänger behandelte zum Beispiel Nick Waringham seine erste Frau trotz seiner strengen katholischen Moral äußerst miserabel. In diesem Roman hat vor allem Isaac eine Reihe charakterlicher Schwächen aufzuweisen. Doch mit seinen modernen und ablehnenden Ansichten zur Sklaverei ist er letztlich so herzensgut wie seine Schwester, die immer wieder Gewissensbisse bekommt, wenn sie in ihrer Arbeit für die Königin zu skrupellos vorgeht. Normalerweise haben überzeugende Liebschaften die schwächelnden Charaktere ausgeglichen. In diesem Roman gesteht Gablé der Liebe aber nur äußerst wenig Raum zu. Elisabeth I. steht Beziehungen in ihrem Gefolge sowieso sehr ablehnend gegenüber. Daher bekommt Eleanor eine Affäre mit dem Londoner „König der Diebe“ angedichtet, die den ganzen Roman über äußerst oberflächlich bleibt und zu sehr (und zu gewollt) als „Abenteuer“, das in einer Ehe endet, dargestellt wird. Isaac wiederum ist lange Zeit kaum an Affären interessiert und gibt sich stattdessen dem regelmäßigen Bordell-Besuch hin. Auch seine Ehe am Ende ist äußerst knapp und geradezu lieblos dargestellt. Insofern enttäuscht die persönliche Komponente dieses Romans durch die schwache Charakterarbeit der Autorin ein wenig.

Dies fällt auch dadurch auf, dass ein überzeugender Gegenspieler fehlt. Weder Francis Drake noch die Spanier eignen sich als wirklich bedrohliche Gegner. Natürlich mündet die gesamte Handlung in dem Kampf gegen die spanische Armada. Doch das ist weitaus weniger dramatisch als persönliche Konfrontationen früherer Romane. Allerdings verschenkt Gablé auch viel Potential auf unnötige Weise. Eine der dramatischsten Szenen des Romans ist, als Isaacs Jugendliebe Clara (die er einst rettete und als dank von deren strengen Vater als Sklave in die harte Feldarbeit geschickt wurde) verrät in in einem äußerst heiklen Moment an ihren Bruder, der im spanischen Militär dient. Gablé baut daraus aber keine geschickten Gegenspieler, sondern belässt es bei dieser einen Szene. Hier wäre es wünschenswert gewesen, einen facettenreichen Antagonisten zu erleben, der sowohl Isaac als auch Eleanor herausfordert.

 

Trotz dieser beiden Schwächen gelingt es Gablé wieder einmal einen Roman über 900 Seiten kurzweilig zu gestalten. Die vielen Ortswechsel, das Einbinden vieler historischer Ereignisse und Figuren sowie der stringente Spannungsaufbau um den religiösen und politischen Konflikt zwischen England und Spanien und die (etwas vorhersehbare) Entwicklung der beiden Hauptfiguren machen den „Palast der Meere“ zu einer mitreißenden Lektüre. In Verbindung mit Gablés routinierten aber immer den idealen Mittelpunkt zwischen Detailfülle und Unterhaltung treffenden Schreibstil, ist auch der fünfte Waringham-Roman nur schwer aus der Hand zu legen.

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