Winter der Welt (von Ken Follett)

„Winter der Welt“ setzt die Handlung um eine amerikanische, eine britische, eine russische und eine deutsche Familie, die in Sturz der Titanen begonnen hat, fort. Deckte der Vorgänger den Zeitraum von 1913 bis in die zwanziger Jahre ab, erzählt „Winter der Welt“ die wichtigsten Ereignisse der Weltgeschichte von 1933 bis in die frühen 50er Jahre aus der Sicht der vier Familien. Da der Zeitsprung nicht besonders groß ist, sind die meisten Akteure noch am Leben, ihnen werden aber ihre jeweiligen Kinder zur Seite gestellt. Und wie es der Zufall halt so möchte, kreuzen sich auch die Wege der Kinder wieder im Rahmen der dramatischen Ereignisse um den Aufstieg des Faschismus in Europa, den zweiten Weltkrieg und den Beginn des Kalten Krieges.

Wieder versteht man die Charaktere aufgrund ihrer simplen Konstruktion recht schnell. Schattierungen sucht man einmal mehr vergeblich. Ein Protagonist hat entweder gute oder schlechte Züge. Lediglich bei Greg, dem Sohn eines russischen Einwanderers in die USA, spürt man so etwas wie eine dunkle Seite, die von seinem etwas kriminellen, aber dadurch auch unglaublich reichen Vater vererbt wurde. Da Gleiche gilt für seinen Halbbruder Wolodja. Er ist in Russland aufgewachsen und ein überzeugter Anhänger des Kommunismus. Durch seinen bedingungslosen Widerstand gegen den deutschen Faschismus gehört er zunächst zu den Guten. Im Verlauf des Romans macht er sich jedoch immer mehr der Komplizenschaft mit den totalitären Geheimdiensten Stalins schuldig. Er lädt damit ebenfalls Schuld auf sich. Dies wird am Ende, anders als bei Greg, aber nicht aufgelöst, da Follett die Sowjetunion vermutlich noch als Konfliktort im nächsten Band benötigt.

Dafür wird das Beziehungsgeflecht der Charaktere noch einmal eine Spur stärker. Sie alle erleben nicht nur Weltgeschichte live, sondern müssen selbstverständlich auch ihr Privatleben meistern. Das wirkt gelegentlich etwas „soapig“, fesselt den Leser aber und wird in diesem Roman gelegentlich aber sogar richtig dramatisch. Denn während des zweiten Weltkrieges hat Follett weitaus weniger Skrupel seine Charaktere umzubringen als während des ersten.

Wieder einmal bemüht sich Ken Follett, Verständnis für alle Seiten aufzubringen. Sowohl der rücksichtslose und kriminelle Vater von Greg und Woldoja als auch der glühende Nazi-Verehrer und Sohn Mauds und Walters von Ulbricht Erik werden als nicht zwingend schlechte Menschen dargestellt. Sie verhalten sich lediglich so, wie die Verhältnisse es von ihnen erwarten. Dabei ist es durchaus möglich, dass sie ihre Meinung wieder ändern. Im Falle Erik wird eine totalitäre Ideologie (Nationalsozialismus) jedoch lediglich mit einer anderen ausgetauscht (Sowjetkommunismus). Selbst ein Gestapo-Agent wird zwar als Mensch, der schreckliche Taten verübt, dargestellt, doch erfährt man auch etwas über sein vorheriges Leben, aus dem deutlich wird, warum er für die Ideologie der Nazis anfällig wird.

Gänzlich unbarmherzig ist Follett hingegen mit dem britischen Adel und den dortigen Konservativen. Die Familie Fitzhearbert wird hier als gänzlich fehlgeleitet dargestellt. Alle adligen Familienmitglieder unterstützen entweder die Konservativen oder arbeiten gar für einen faschistischen Umsturz in England. Zum Schluss hat man zwar Mitleid mit der gebeutelten Familie, weiß aber auch, dass alles, was sie gemacht haben, schlicht falsch war.

Das ist jedoch auch Teil eines der zwei Ziele des Romans. Denn erstens bringt Follett wie schon mit dem ersten Teil dem Leser die europäische Geschichte detailliert näher. Das ist teilweise wirklich überraschend, da zum Beispiel die Machtergreifung bis hin zu Auszügen aus der Rede von Otto Wels (SPD) zum Ermächtigungsgesetz nachgezeichnet. Aber auch aus anderen Ländern erfährt man unbekanntere Fakten wie zum Beispiel die Situation der Gewerkschaften in den USA vor dem zweiten Weltkrieg oder die britische faschistische Bewegung. Das ist aber, zweitens, äußerst tendenz-geleitet. Denn für Follett sind sozialdemokratische und sozialistische Parteien die Guten, faschistische, konservative und kommunistische Parteien die Schlechten. Er steht klar auf der Seite der arbeitenden Bevölkerung, die sich für einen demokratischen Staat einsetzt und dabei für ihre eigenen Rechte streitet. Das wirkt manchmal arg idealistisch, ist in der heutigen Zeit, in denen die Kämpfe der SPD, der Labour-Party und anderen sozialistischen Parteien, die zum Beispiel in Spanien zwischen Faschisten und Kommunisten aufgerieben wurden, fast vergessen sind, ganz gut. Denn da ein Follett fast automatisch ein Bestseller ist, erfahren so nicht nur viele Menschen über die Geschichte der westlichen Welt, sondern auch über deren Arbeiter- und Emanzipierungsgeschichte.

Eine Schwäche des Vorgängers hat „Winter der Welt“ jedoch übernommen. Die Kriegsverläufe werden immerhin nicht mehr so ausführlich wie in „Sturz der Titanten“ geschildert. Doch das Grauen des Krieges kann Follet auch in diesem Band nicht vermitteln. Er bemüht sich redlich, alle schrecklichen Ereignisse werden erwähnt. Aber selbst die Vergewaltigungen der Roten Armee, die Willkür der Gestapo oder die kommunistischen Säuberungen wirken wirklich bedrohlich. Ersteres führt sogar zu einem merkwürdig versöhnlichen Ende. Wirklich berührt wird der Leser lediglich dadurch, dass in diesem Roman auch wichtigere Protagonisten in Kriegshandlungen getötet werden. Insgesamt aber zeichnet sich der Kriegsverlauf nicht gerade durch Betroffenheitssituationen aus.

„Winter der Welt“ ist ein gut zu lesendes, aufgrund der vielen personellen Verflechtungen äußerst spannendes Werk, das keinen großen Grauen erzeugt, aber auf unterhaltsame Weise die (westliche/östliche) Geschichte der Jahre 1933 bis 1953 darstellt und dabei häufig für sozialdemokratische und sozialistische Bewegungen plädiert. Dabei erfährt man auf unglaublich leichte und spielerische Art viele Dinge, die bei vielen weit über das Schulwissen hinausgehen dürften. Dass so ein Roman dennoch und trotz recht simpel gestrikter Charaktere zum Pageturner wird, ist eine bemerkenswerte Leistung.

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