Changer de destin (François Hollande)

„Changer de destin“ (grob übersetzt, „Das Schicksal verändern“) erschien im Februar 2012. Auf dem Buchrücken des 164-Seiten starken Büchleins finden sich lediglich zwei Sätze, es handelt sich um einen kurzen Auszug aus dem einleitenden Kapitel. Darin stellt Hollande fest, dass die Franzosen das Recht hätten, ihn kennenzulernen. Dies lässt zunächst auf eine Art Autobiographie schließen. Das ist „Changer de destin“ jedoch nicht. Zwar erklärt Hollande durchaus, wo er herkommt, warum er zu den Sozialisten in Frankreich gefunden hat und was er bisher in der französischen Politik erreicht hat. Dabei greift er auf biographische Angaben lediglich dann zurück, wenn sie für sein derzeitiges Programm wichtig sind. Denn nicht sich als Person stellt François Hollande vor, sondern – wie es im zweiten Satz auf dem Buchrücken heißt – über seine Vorstellung eines zukünftigen Frankreichs, das er mit seinem politischen Projekt prägen möchte.

Das wirkt in der derzeitigen, inhaltslosen deutschen Politik erst einmal beachtlich. Natürlich ist es üblich, dass der Herausforderer ein Buch schreibt. Frank-Walter Steinmeier hat das 2009 getan. Anstatt das Werk aber in einer massentauglichen Taschenbuchausgabe (wie Hollande für 9€) herauszugeben, wurde „Mein Deutschland: Wofür ich stehe“ jedoch als Hardcoverausgabe mit (den Rezensionen nach) deutlich stärkeren biographischen Zügen veröffentlicht. Dahinter steckt die Idee, die Bürger möchten in erster Linie erfahren, wen sie wählen. Was sie inhaltlich wählen sei zweitrangig.

Das macht Hollande anders. Nach dem knappen einleitenden Kapitel, das auch umreißt, wie er zu der Politik gekommen ist, folgen drei sehr inhaltliche Kapitel. Unter den Überschriften „Frankreich“, „Die Republik“ und „Europa“ finden sich in erster Linie grundlegende Analysen und Überlegungen, konkrete Vorschlägen kommen gelegentlich ebenfalls vor, stehen aber nicht im Mittelpunkt. Stattdessen erfährt der Leser hier Hollandes Sicht auf zwei Kernwerte der französischen Politik sowie die Europapolitik.

Danach kommt das interessanteste Kapitel, das wohl maßgeblich für Hollandes Wahlsieg. In „Présider“ skizziert er, wie er das Land fünf Jahre lang führen möchte. Dabei grenzt er sich in erster Linie von Sarkozys ego-zentriertem, hektischen Politikstil ab. Mittlerweile wird allgemein angenommen, dass Hollande in erster Linie deswegen gewählt worden ist, weil die Franzosen Sarkozys Stil satt hatten. Ironischerweise hat Hollande bereits vor einigen Wochen Abstand von seinem „neuen“ Politikstil genommen. Denn vor allem die französischen Medien haben den in „Changer de destin“ angekündigten, ruhigen und moderierenden Politikstil als Untätigkeit interpretiert. Das lässt natürlich gerade in wirtschaftlichen Zeiten die Umfragewerte rapide sinken.

Überraschend ist das Kapitel „L’Alternative“. Dort, dachte ich, erklärt der damalige Bewerber, warum er die bessere Alternative zu Sarkozy ist. Das trifft es jedoch nicht ganz. Stattdessen finden sich hier Unterkapitel, warum man die anderen Kandidaten (der Plural trifft hier zu!) nicht wählen sollte. Das gelingt Hollande ohne in populistische und unangemessene Phrasen abzudriften. Lediglich die UMP geht er hart an und den Front National verurteilt er natürlich in Gänze. Aber für die anderen politischen Kräfte von den Grünen über die Zentristen bis hin zu der kommunistischen Front de Gauche findet der Kandidat durchaus Sympathien. Allgemein verzichtet er auf harte Worte in diesem Kapitel, sondern argumentiert bemüht sachlich, warum er die beste Wahl für den Wandel ist.

Es folgen zwei kürzere Kapitel. Eines fasst die weltweiten Verpflichtungen zusammen, die Hollande sieht. Das zweite beschäftigt sich ausschließlich mit der Frage, wie die französische Jugend besser gestellt werden kann. Gerade dieses Kapitel zur Jugendpolitik ist sehr interessant, schließlich verblasst dieses Thema in Deutschland hinter der Rentenpolitik zunehmend. Hollande geht hingegen recht ausführlich auf die Bedeutung einer Perspektive für junge Menschen ein.

Abschließend folgt unter Hollandes Wahlkampfspruch „Le Changeant, c’est maintenant“ eine Zusammenfassung der Gründe, Hollande zu wählen. Aufgrund des Verzichts auf seine Lebensgeschichte ist „Changer de destin“ alles andere als spannend. An vielen Stellen liest das Buch sich so, als würde man das Wahlprogramm der SPD lesen. Das macht aber auch deutlich, wie übertrieben die von einigen Medien geschürte Angst vor dem „Sozialisten“ Hollande war. Schärfe sucht man in dem Bändchen ebenfalls vergeblich. Stattdessen stellt sich hier ein nüchterner Politiker vor, der dem Wähler zeigen möchte, wie er die Welt sieht. Das ist an vielen Stellen langweilig, die Idee, dem Wähler solch ein Angebot zu bieten, ist aber äußerst lobenswert.

Peer Steinbrück hat ja bereits ein äußerst lesenswertes Buch vorgelegt. Vielleicht bleibt ja trotz Wahlkampf, nachdem das Wahlprogramm der SPD umrissen ist, noch Zeit, dass der Herausforderer 2013 ein ähnliches Buch schreibt, das den politischen Gegner sachlich attackiert, interessierten Lesern aber vor allem das Weltbild von Peer Steinbrück im Jahre 2013 vermittelt.

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