Apokalypse soon!

Vorweg: Es ehrt den Spiegel Online  ja, dass er verstärkt profilbildende Meinungsartikel zu veröffentlichen. Schließlich hat gerade der Spiegel in letzter Zeit eher den Eindruck eines profillosen, personensüchtigen Wackelpuddings gemacht. Allerdings ist die neue Kategorie der „Kolumnisten“ nicht wirklich der Hit.

Das liegt in erster Linie an der stark gespreizten Themenwahl, die wenig Interaktionsmöglichkeiten zwischen den Kolumnen bietet. Die interessanteren Kolumnen, nämlich die politischen, leiden zudem doch etwas an ihrer ideologischen Festgefahrenheit. Vor allem bei dem „Schwarzen Kanal“ ist das spürbar. Jeden Montag kann man eigentlich schon prognostizieren, worüber sich Jan Fleischhauer diese Woche wohl auslassen wird. Dabei vergreift er sich gerne mal an völlig geschmacklosen Beispielen.

Gestern wurde in Baden-Württemberg gewählt und es sieht so aus, als bekäme Deutschland demnächst den ersten grünen Ministerpräsidenten. Bevor die grün-rote Koalition überhaupt mit der Arbeit beginnen konnte, wird sie vom „Experten“ Fleishhauer bereits auseinandergenommen. In seinem neuesten Artikel „Willkommen im Land des Regenbogens“ greift er richtig tief in die Plattitüdenkiste. Alle Schulbücher müssten wegen der Grünen umgeschrieben werden, Drogenabhängige würden entkriminalisiert und illegale Ausländer würden alle geduldet werden. Sein Fazit ist, dass Baden-Württemberg zum Ende der Legislaturperiode auf einem der letzten Plätze im Pisa-Ranking rutschen wird und dass es zudem so viele Schulden machen wird, dass es kein Geberland des Länderfinanzausgleiches mehr sein würde. Kurzum: Mit den Grünen geht erst Baden-Württemberg, dann die Bundesrepublik unter.

Diese Analyse ist eigentlich nicht mehr zu kommentieren, sondern nur noch peinlich. Man mag zu den Grünen stehen, wie man möchte, aber so eine Prognose ist dann doch albern. Bereits die rot-grüne Bundesregierung hat gezeigt, dass die Grünen keine ökosozialistischen Monster sind. Der Stern sieht die Grünen bereits als die bessere SPD. Auch diese Analyse ist zu kurz gegriffen. Denn als bessere SPD würde man im konservativen Baden-Württemberg niemals Punkten. Die SPD kam in dem Bundesland schließlich nie auf einen grünen Zweig. Stattdessen sollte man sich eher fragen, ob die Grünen sich nicht zur besseren CDU entwickeln. Die Bürgermeister in Freiburg und Thübingen zeigen, dass man zwar Wahlkampf mit heren Zielen machen kann, aber auch als Grüne wiedergewählt werden kann, wenn man sie nicht einhält. Insofern sind die Grünen mittlerweile eine ganz normale Partei, vor der man wirklich keine Angst haben braucht.

Peinlich ist auch, dass Fleischhauer mit keinem Wort den EnBW-Deal des ehemaligen Ministerpräsidenten Mappus anspricht. Einen Stromkonzern zu verstaatlichen und die Risiken den Steuerzahlern aufzubürden, verträgt sich nicht gut mit der „soliden Wirtschaftskompetenz“ der Konservativen. Der Deal wird sich vermutlich als Crux für die neue Koalition auswirken. Durch das Atom-Moratorium werden sich horrende Verluste aufbauen. Da bietet der Opposition die Möglichkeit, die neue Koalition als Schuldenmacher zu beschuldigen. Auf dieselbe Weise entzieht sich die schwarz-gelbe Opposition in NRW der Verantwortung für ihre fehlgeschlagene West-LB-Politik. Fleischhauer befürchtet, dass Baden-Württemberg finanziell abrutschen wird. Aber er erwähnt in keinster Weise, wie unverantwortlich die CDU zuvor mit dem Haushalt umgegangen ist.

Es ist – wie gesagt – eine gute Idee, Meinungskolumnen bei Spiegel Online einzuführen. Bei politischen Themen müssen diese natürlich parteiisch sein. Aber Parteilichkeit muss nicht mit Einfältigkeit gleichgesetzt werden. Zur Zeit werden Stammtischparolen aufgewärmt und auf die Titelseite gestellt. Das sollte selbst bekennenden Konservativen unangenehm sein.

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