Geschmacksverirrungen

Ich habe Jan Fleischhauers Buch „Unter Linken“ nicht gelesen, unter anderem weil ich 18€ für ein Taschenbuch für übertrieben halte. Ich fand es aber ganz interessant, als Spiegel Online ihn als einen von fünf Kolumnisten vorgestellt hat. Und ich nahm mir fest vor, dieser Kolumne mit möglichst wenig Vorurteilen entgegenzutreten. Aber man muss ja sagen, dass Fleischhauer es einem wirklich schwer macht. Das liegt zum Teil an der Konzeption der „S.P.O.N.“-Kolumnisten. Die meisten Kolumnenthemen sind banal, beschäftigen sich mit Schauspielern oder Mode. Lediglich Fleischhauer und Augstein sind dazu da, um zwei gegensätzliche politische Pole abzudecken. Dabei kann man in der Regel immer vorraussehen, was als nächstes kommt. So drischt Fleischhauer natürlich nicht auf Guttenberg ein, während er Gerhard Schröders Millionenzahlung als Beweis dafür sieht, dass die SPD auf jeden Fall den Mund halten soll. In seiner aktuellen Kolumne hat er den Vogel allerdings abgeschossen. Verständlicherweise geht es um Atomkraft. Die Konservativen und selbst ernannten Bürgerlichen in Deutschland sehen ihre Felle jetzt natürlich wegschwimmen. Gerade haben sie sich vom Atomausstieg verabschiedet, da kommt es zu einer extrem unwahrscheinlichen Katastrophe. Fleischhauer haut nun die heftigste Parole raus: Die Atomkraftgegner seien heimlich doch froh, dass es einen Unfall gab, weil er ihre Befürchtungen bestätigt hat. Sein ganzer Beitrag dreht sich darum, dass er Zweifel an der Betroffenheit der Atomkraftgegner hat. Denn natürlich hat der Unfall in Japan nichts mit den Atomkraftwerken in Deutschland zu tun. Und natürlich wirkt es wie eine sehr plumpe Parole, dass auch deutsche Atomkraftwerke nicht vor Erdbeben ausreichend geschützt sind. Aber die Japaner haben auch gedacht, sie wären sicher und dann trat etwas unvorhersehbares ein. Es kann immer zu etwas Unvorhersehbaren kommen. Und das ist der Grund, warum Atomkraftgegner immer einen Unfall befürchtet haben. Aber man sollte Fleischhauer vielleicht mal darauf hinweisen, dass die meisten Atomkraftgegner so sicher über die Gefahren waren, dass sie sich einen Unfall nicht herbeisehnen brauchen. Stattdessen haben sie doch veruscht einen solchen durch einen Ausstieg zu verhindern. Die Parole müsste also heißen: „Hätte man auf sie gehört…“ Aber das sieht der gute „schwarze Kanal“ natürlich anders. Stattdessen verweist er auf 3 000 Opfer der Mobilisierung in Deutschland, die noch keinen Abgeordneten dazu veranlasst hat, seinen Dienstwagen abzugeben. Autos so gefährlich wie Atomkraftwerke? Was für ein passender Vergleich in einer Zeit, in der eine radioaktive Wolke auf Tokio zufliegt. Da soll noch mal jemand den „schwarzen Kanal“ mit der dunklen Seite der Macht vergleichen!

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