Voyeur (von Simon Beckett)

Es ist in den letzten Jahren eine Unsitte geworden, dass die nicht erfolgreichen Bücher eines Autors sofort neu aufgelegt werden, sobald dieser Erfolg hat. Nach Simon Becketts „Chemie des Todes“ landete er einen Bestseller nach dem anderen. Kein Wunder, dass man das mäßig erfolgreiche „Galerie der Verführung“ von 1993 aus der Mottenkiste holt. Da dieser Titel aber zu kompliziert für den zu verführenden Leser ist, nennt man das Buch einfach „Voyeur“ und schreibt die Buchstaben wie Blut auf das Titelblatt. Fertig ist der Bestseller. Super.

Die Handlung ist ähnlich sinnig. Der alternde Gallerist Donald Ramsey verliebt sich das erste Mal in seinem Leben. Bisher hat er immer nur Befriedigung aus seinen erotischen Kunstwerken gezogen. Nun ist er besessen von seiner Assistentin Anna. Blöderweise hat die einen Freund namens Marthy und ist furchtbar verliebt in ihn. Als sie plant mit ihm nach Amerika umzuziehen, schrillen bei Ramsey die Alarmglocken, seine Liebe droht ihm zu entgleiten. Da er weiß, dass er selbst keine Chance bei Anna hat, engagiert er einen attraktiven Mann, sie zu verführen…

Man muss Beckett zugute halten, dass er der Neuauflage ein neues Vorwort hinzugefügt hat, indem er erklärt, dass „Voyeur“ sein erster Roman ist. Das Buch soll laut Beckett eine „Studie einer sexuellen Obsession sein“ und „sowohl verstören als auch belustigen“.

Die Handlung ist in der Ich-Perspektive geschrieben, der Erzähler ist Ramsey selbst. Aber obwohl er offensichtlich ein krankhaftes Hirn ist, merkt der Leser das nicht. Im Gegenteil: Ramseys Gedanken wirken meist normal, lediglich wenn Frauen mit ihm Spiel sind, werden sie unklar und unsinnig.

Daher ist es überhaupt nicht verständlich, dass seine Obsession zu einem Mord fähig ist. Der Mord an Marthy wird aber mit seinem Gehilfen astrein über die Bühne gebracht. Es kommt selbst zum Schluss niemand dahinter. Der Rest des Romans ist dann eine verzweifelte Suche Annas nach ihrem Freund. Das Ende des Romans ist, dass Ramseys Gehilfe mit Anna schläft, während Ramsey durch einen Schlitz im Nebenzimmer zuguckt. Er findet den Sex so vulgär, dass er auf einmal Fehler an Anna entdeckt und sich wieder seinen ästhetisch perfekten Kunstwerken zuwendet.

Es ist bemerkenswert, dass Anna ihren Freund so schnell vergisst, nach dem Sex hört sie auf, Fragen zu stellen. Es ist bemerkenswert, dass der Mord nicht entdeckt werden kann, obwohl er von Amateuren geplant wurde. Es ist bemerkenswert, dass nieman auf Ramsey als Mörder kommt. Es ist bemerkenswert, wie wenig sich Beckett um die Charaktere in dieser „Studie“ kümmert. Es ist bemerkenswert wie unsinnig der Mittelteil ist.

Denn der besteht ausschließlich darin, dass Anna die Polizei antreibt, mehr zu tun und Ramsey hofft, dass sie nichts herausfindet. Der Leser weiß, wer der Mörder ist und ist auch abgestoßen von dem widerlichen Mord. Das nimmt viel Spannung, da durch Ramseys schwache Charakterzeichnung es dem Leser eigentlich auch egal ist, ob er geschnappt wird oder nicht. Die Geschichte fesselt einfach kaum.

„Voyeur“ ist ein durchaus ambitionierter Erstling, der leider etwas unausgegoren wirkt. Die Spannung wird nicht über den ganzen Roman gehalten. Der Schluss ist zwar ganz nett, da sich Ramsey nach so vielen Mühen wieder von Anna abwendet, aber auch ein wenig unrealistisch. Schließlich ist der Mord vergessen, was eigentlich nicht sein kann…
Auf jeden Fall ist „Voyeur“ kein Vergleich zu „Die Chemie des Todes“, die auch Schwächen hatte, aber durch eine gelungene forensische Darstellung glänzen konnte.

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