Ten Excerpts from an Annotated Bibliography on the Cannibal Women of Ratnabar Island (von Nibedita Sen)

Wie der Titel der Kurzgeschichte ankündigt, handelt es sich hierbei tatsächlich um zehn kurze Ausschnitte aus fiktiven wissenschaftlichen und biographischen Aufsätzen. Die Briten haben 1891 Ratnabar Island entdeckt und wurden von den Bewohnern durchaus freundlich empfangen. Doch während die Bewohner dachten mit einem kannibalischen Mahl ihre Gäste zu ehren, widerte dass die Kolonialisten so an, dass sie umgehend ein Massaker verübten. Nur drei kleine Mädchen wurden am Leben gelassen und nach London geschifft, wobei eines von ihnen starb. Die erste Hälfte Aufsätze behandelt den Vorfall, vor allem aber wie die beiden überlebenden Mädchen weiterhin kannibalische Neigungen zeigten. In der zweiten Hälfte liest man Ausschnitte aus Schriftstücken der Nachkommen eines der beiden Mädchen. Auch nach Jahrzehnten spüren die Nachfahren der Mädchen Entwurzelung und das Trauma ihrer Großeltern und dabei auch einen Hass auf die Welt, der Hunger gleich kommt.

„Ten Excerpts from an Annotated Bibliography on the Cannibal Women of Ratnabar Island“ hat ohne Frage eine interessante Form. Während der erste Ausschnitt die britische Landung auf Ratnabar beschreibt, bleiben viele anderen Szenen im vagen. Während die Nachfahren der beiden überlebenden Mädchen mit den offenen Fragen ihrer Herkunft zu kämpfen haben, machen auch die wissenschaftlichen Beiträge Lücken in der Geschichtsschreibung mehr als deutlich. Sen erlaubt ihren Lesern dadurch, sich selbst eine Geschichte zu formen. Gleichzeitig wirkt die Darstellung aber auch ausgesprochen distanziert und lässt fast alle Aspekte der Geschichte im Unklaren. Das ist zwar anspruchsvoll und regt an einigen Stellen die Phantasie an, es gibt jedoch viele Punkte, an denen man sich mehr Klarheit wünschte.

Denn die Kurzgeschichte greift viele Themen auf. Dies beginnt mit den grausamen Massaker des Kolonialismus, offiziell verteidigt mit dem Feigenblatt angeblicher zivilisatorischer Missionen. Gleichzeitig greift die Geschichte die übertriebenen und vor allem unerreichbaren Assimilisationserwartungen westlicher Gesellschaften an ihre Einwanderer (und oft auch Gäste) auf. Und zuletzt wird das gleichzeitig kollektive als auch familiäre Trauma des Kolonialismus in den Erinnerungen der Nachfahren verarbeitet. Diese Perspektiven sind gut dargestellt und scheinen später in Großbritannien zu einer kannibalischen Tragödie geführt zu haben. Die distanzierte Form führt letztlich aber dazu, dass all die Konsequenzen einer einzigen Landung nur erwähnt und abgerissen werden. Dadurch wird gerade der letzte Aspekt der Geschichte, der tiefsitzende Ärger über die Ungerechtigkeit der Welt, viel zu wenig zum Tragen. Und während die Einträge der Nachfahren mit ihren Reflexionen zumindest ein wenig emotionale Nähe aufbauen können, fehlt der Geschichte ein Plot, der aus den spannenden Motiven anregende Gedanken macht.

Die Kurzgeschichte „Ten Excerpts from an Annotated Bibliography on the Cannibal Women of Ratnabar Island“ von Nibedita Sen ist 2019 im „Nightmare“ – Magazin erschienen. Sie ist auf der Seite des Magazins online verfügbar. Sie ist für den Hugo Award 2020 in der Kategorie „Best Short Story“ nominiert.

Add a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.