And Now His Lordship Is Laughing (von Shiv Ramdas)

Während der Hungersnot in Bengalen wird die alte Apa vom britischen Gouverneur beauftragt, für seine Gattin eine ihrer berühmten Puppen anzufertigen. Die alte Frau weigert sich. Doch während ihr Dorf immer mehr im Hunger und Leid versinkt, übt das Militär immer mehr Druck auf sie aus, die Puppe anzufertigen. Nach langem Ringen gibt Apa auf, besteht aber darauf, die Puppe persönlich im Palast abzugeben. Dort sorgt Apa durch ihr eigenes Lachen dafür, dass sich alle Bewohner des Palastes zu Tode lachen.

Während des 2. Weltkriegs fürchteten die britischen Kolonialherren, eine japanische Eroberung der Präsidentschaft Bengalen. 1942 verordneten sie daher, dass alle Reisvorräte, die über den direkten Bedarf hinaus angelegt wurden, exportiert werden, um nicht den Japanern in die Hände zu fallen. Eine Verbindung mehrerer Faktoren, darunter neben schlechten Ernten auch entweder die Unfähigkeit oder aber der Unwille der Kolonialherren, Reis in die Präsidentschaft zu importieren, führten 1943 zu einer massiven Hungersnot. Sie kostete Millionen Menschen das Leben und diskreditierte die britische Herrschaft, die die Hungersnot nach landläufiger und später auch wissenschaftlicher Meinung verursacht hatte. Seine Erlebnisse als Kind während der Hungersnot inspirierten zum Beispiel den Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen zu einer Studie über die Ursachen von Hungersnöten, die grob zusammengefasst aufzeigt, dass Hungersnöte (starvation, nicht aber Hunger) in der Regel politisch verhinderbar sind. Sie sind daher in demokratischen Systemen höchst selten und eigentlich unmöglich, da sie demokratisch gewählte Herrscher unter Garantie die kommende Wahl verlieren lassen würden (s. eine Diskussion zu der These in der New York Times aus dem Jahr 2003).

Vor diesem tragischen Hintergrund spielt die Kurzgeschichte „And Now His Lordship Is Laughing“ von Shiv Ramdas. Der Erzählung gelingt es sehr gut, emotionale Momente zu setzen. Im Hintergrund beschreibt Ramdas aufmerksam die verschiedensten brutalen Folgen der sich entfaltenden Hungersnot. Britische Soldaten konfiszieren „überschüssigen“ Reis und stürzen dadurch Bauern in die Armut. Außerdem ist der kommende Notstand bereits absehbar. Dies treibt Bauern reihenweise in den Suizid. Um dies zu verhindern – das Empire braucht schließlich zukünftige Arbeitskraft – konfiszieren die Briten auch Seile. In der folgenden Seilknappheit teilen sich Bauern einfach Stricke, um sich zu erhängen. Viele solcher eindringlichen Momente zeigen die ganze Härte der falsch gesetzten Politik: Anstatt Bauern eine Perspektive oder auch einfach nur Essen zu organisieren, meint man das Selbstmord-Problem durch eine Verknappung der Selbstmordmittel zu begegnen. Dieser brutal falsche Fokus bildet dann auch die Kulisse für die eigentliche Geschichte: Anstatt sich um die Versorgung der Bevölkerung zu kümmern, konzentriert sich ein substantieller Teil des Regierungshandeln darauf die alte Apa zu zwingen, der Gouverneursgattin eine Puppe anzufertigen. Die Abgehobenheit und Menschenfeindlichkeit der Kolonialherren, die in ihren Palästen zudem weiterhin rauschende Feste feiern, wird dadurch überdeutlich. Ramdas gelingt es also gut, das Leid der Bevölkerung und die Ignoranz der Herrschenden während der Hungernot in eine berührende Geschichte zu verwandeln.

Die brutale und tödliche Auflösung verwirrt. Man teilt leicht Apas Gefühl, dass hier unmenschliches Verhalten bestraft wird. Man fühlt mit der alten, Rache übenden Frau mit, die selbst bengalische Angestellte des Gouverneurs als Verräter brandmarkt und mit ihrem Lachen tötet. Man könnte sagen, dass „And Now His Lordship Is Laughing“ aufzeigt, wie unermessliches Leid und aufgestaute Wut zu mehrfachem Mord führen. Apas einzige andere Alternative wäre gewesen, dem indirekt mordenden Gouverneur auch noch den Wunsch nach einer Puppe zu erfüllen. Die Kurzgeschichte verdeutlicht so, zu welchen extremen Taten Hoffnungslosigkeit verleitet. Auch weckt die Erzählung wohl vor allem bei Lesern, die der Todesstrafe sowie radikaleren Umsturzvorhaben gegenüber skeptisch eingestellt sind, Widerstand, wenn solch eine radikale Lösung die einzige Option zu sein scheint. Beides an die enorme Bedeutung (demokratischer) Alternativen zu der hier geschilderten Tat. Trotzdem bleibt der etwas unangenehme Eindruck bestehen, gerade einer ausgesprochen brutalen Mordphantasie beigewohnt zu haben. Den trotz der erfüllten Rache, ist die  Erzählung hoffnungslos. Ist Rache in der Form einer Gewaltorgie tatsächlich das einzig mögliche Ende? Neben der eindringlichen Atmosphäre ist diese verstörende Vielstimmigkeit vielleicht die größte Stärke der Kurzgeschichte.

Die Kurzgeschichte „And Now His Lordship is Laughing“ von Shiv Ramdas ist 2019 im „Strange Horizon„-Magazin erschienen. Sie ist auf der Seite des Magazins online verfügbar. Sie ist für den Hugo Award 2020 in der Kategorie „Best Short Story“ nominiert.

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