Teufelskrone (von Rebecca Gablé)

Richard Löwenherz gerät 1192 in Gefangenschaft. Diesen Moment nutzt sein Bruder, Prinz John aus, um nach der Krone zu greifen. Zur selben Zeit bricht Yvain of Warringham von der Landburg seiner Eltern nach London auf. Dort soll er als Zweitgeborener den Templern beitreten, um im Kreuzzug ein Auskommen und Seelenheil zu finden. Doch ein Kneipenabend mit dem gefürchteten Prinz John setzt diesem, von Yvain sowieso ungeliebten Plan ein Ende: Die Templer nehmen ihn wegen Sündenhaftigkeit nicht auf. Stattdessen wird Yvain Knappe in Prinz Johns Gefolge. Doch Yvains Bruder Guillaume ist Ritter im Gefolge des Königs. Je mehr sich der Konflikt zwischen dem königlichen Brüderpaar zuspitzt, desto mehr entfremden Yvain und Guillaume sich voneinander. Zunehmend stellt sich für Yvain jedoch weniger die Frage nach dem Familienzusammenhalt, sondern welche Taten für John er eigentlich noch mit seinem Gewissen vereinbaren kann.

„Teufelskrone“ hat alle Zutaten eines klassischen Gablé-Romans. Ein junger Mann blickt in eine ungewisse Zukunft: Yvain ist der Zweitgeborene der Familie Warringham und wird daher kaum Besitz erben. Also muss er sich einen anderen Lebensunterhalt suchen und sein Glück auf „kreative“ Art finden. Außerdem wird ihm die Liebe seines Lebens verwehrt, sie ist seinem Bruder als Gattin bestimmt. Das hat man in dieser oder in einer etwas anderen Form nun schon häufig in Gablés Romanen gesehen. Dadurch wirkt vor allem der Start vorhersehbar. Wie immer dauert es einige hundert Seiten bis Yvain seine Rolle in der englischen Gesellschaft seiner Zeit gefunden hat und wie immer zeichnet sich Gablés Held dabei durch sein Talent, seine Güte und seine Weisheit aus. Das ist zwar – ebenfalls wie immer – unterhaltsam und kurzweilige erzählt, wirkt mittlerweile aber etwas berechnend und schafft eine gewisse Distanz.

Gablés Gespür für interessante Themen des englischen Mittelalters trägt allerdings auch diesen Roman. Richard „Löwenherz“ und John „Ohneland“ sind zwei ausgesprochen brutale und streckenweise willkürliche Könige. Für ihre Kriege im Heiligen Land bzw. in Frankreich verlangen sie ihrer Bevölkerung hohe Opfer, Verprellen regelmäßig ihre Lords und brechen jeden Widerstand durch ausufernde Brutalität. „Teufelsblut“ erzählt davon wie Yvain selbst durch „seinen“ Lehnsherrn kompromittiert wird und wie er im Laufe von knapp 900 Seiten zu dem Entschluss entkommt, dass die Lords ihrem König Rechte abringen müssen. Auf diese Weise entsteht die revolutionäre Magna Carta. Gablé zeigt wie sich die Gemütslage eines Königs auf sein Land auswirkt, wie von der einfachen Bevölkerung bis zum Adligen jeder darunter leidet und wie bereits im Mittelalter Widerstand gegen eine damals noch vermeintlich göttliche Ordnung organisiert wurde. Die dabei geschilderte Brutalität ist wie immer in Gablés Romanen erträglich dargestellt, doch in „Teufelsblut“ stärker ausgeprägt als in anderen Werken. Damit inszeniert sie diesen Abschnitt englischer Geschichte – ebenfalls wie immer – lehrreich und vor allem spannend.

Um die Brutalität der Zeit zu verdeutlichen, legt Gablé recht früh im Roman einen informellen Fluch über den Knappenjahrgangs Yvains: Die Gruppe fürchtet, dass aufgrund regelmäßiger Todesfälle am Ende nur noch einer übrig bleibt. Dieser Handlungskniff ist etwas ärgerlich. Denn natürlich bleibt Yvain dem Leser bis zum Ende des Romans erhalten. Es stellt sich daher nur die Frage, in welcher Reinfolge die Männer um Yvain ausgeschaltet werden. Yvain braucht natürlich auch einen Feind, dem er bis auf den Tod verbunden ist. Diesmal befindet sich dieser in der Form von Pentecôte FitzHugh ebenfalls in Yvains Knappenjahrgang. Das ist ausgesprochen spannend, denn bisher musste man mit den „Feinden“ in Gablés Roman nur gesellschaftlich, selten aber freundschaftlich verkehren. Aus diesem Potential macht der Roman leider nichts. Erst einmal bleibt die Feindschaft ausgesprochen oberflächlich und letztlich einseitig. FitzHugh verleidet Yvain die erste Begegnung sowie die besondere Beziehung zu Prinz John. Hier hätte man deutlich mehr machen können. Am Ende kommt es zwar zu einigen interessanten Konstellationen in dieser Feindschaft, eine bessere Grundlage für Yvains Abneigung gegenüber seinem Knappenkollegen hätte dem Roman jedoch sehr gut getan.

Ein weiteres interessantes Element dieses Romans ist Yvains Liebesleben. Bisher hat eigentlich jeder Warringham die Frau seiner (Jugend)Träume bekommen. Das ist hier anders. Gablé erfüllt Yvain zwar den Wunsch, dass seine Liebe erwidert wird. Doch im Laufe des Romans steht die Zukunft seines Traums immer auf der Kippe und Yvain stellt fest, dass sein Herz eventuell gar für jemand ganz anderen schlägt. Diese dynamische Erzählung stellt Gablé an einigen Stellen ausgesprochen simpel dar, so simpel, dass sie in ihren moralischen Konsequenzen kaum zu dem ansonsten so überaus anständigen Heldencharakter Yvains passt. Am Ende aber wartet eine solide und angenehme Überraschung, die zwar noch immer ein Happy End bietet, aber nicht unbedingt das erwartete.

Und so entführt auch „Teufelskrone“ wieder in ein spannendes, interessantes und ausgesprochen mobiles Mittelalter, in dem die Protagonisten permanent zwischen Großbritannien und dem Kontinent von einer Schlacht zur nächsten pilgern und dabei nebenbei auch noch Geschichte schreiben. Diese Mischung aus wichtigen historischen Ereignissen, im Laufe des Romans immer überzeugender werdenden Charakteren und vielen oft handlungs- und spannungsgeladenen Wendungen machen auch „Teufelskrone“ zu einer fesselnden Lektüre.

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