Sister Rosetta Tharpe and Memphis Minnie Sing the Stumps Down Good (von Lashawn M. Wanak)

Kurz vor dem zweiten Weltkrieg tauchen in den USA merkwürdige Stümpfe auf. Nach einer Weile explodieren diese Stümpfe und setzen ein tödliches Pulver frei. Die zuständige Eindämmungsbehörde erkennt rasch, dass die Stimmlagen bestimmter Sängerinnen und Sänger es ermöglichen, das Pulver zu kontrollieren und somit einzusammeln. Die Sänger bergen jedoch auch eine Gefahr, da ihr Gesang die Explosion eines Stumpfes beschleunigen kann und ohne Helfer, die das Pulver kontrollieren, viele Menschen töten können. Rossetta Tharpe ist eine gläubige Gospel-Sängerin, die kurz nach dem zweiten Weltkrieg bei der Behörde in Chicago anfängt zu arbeiten. Sie hat ihren ungeliebten Gatten und ihre Mutter an einen zufällig explodierenden Stumpf verloren – als die beiden in New York waren, um ihr einen Auftrittsvertrag zu verschaffen. Sie ist von Schuldgefühlen geplagt und hält sich daher sklavisch an die Regeln der Behörde. Minnie arbeitet schon seit längerem für die Behörde. Es ärgert sie, dass ihr als Sängerin die Anerkennung versagt wurde. Ihr rebellisches Naturell bringt sie immer wieder in Konflikt mit den Regeln der Eindämmungsbehörde. Das einzige, das die beiden Frauen eint, ist ihre Liebe zur Musik. Gemeinsam besuchen sie daher heimlich eine Bar und singen dort. Als dort ein Stumpf entdeckt wird, muss die Bar geschlossen werden. Während Rosetta weiterhin den Regeln und ihrer Arbeit folgt, stürzt Minnie ab. Dabei gerät sie in einem weißen Viertel in Gefahr und singt, um ihre Häscher zu vertreiben. Dabei stellt sie heraus, dass das Singen zwar tatsächlich die Stümpfe zum Explodieren bringt, das tödliche Pulver jedoch entschärft. Singen war nie eine Gefahr, im Gegenteil: Die Behörde unterdrückte das Singen hauptsächlich, um das gefährliche Puder zu isolieren und damit ärmere Viertel und ihre Bevölkerung zu vergiften. Die beiden Frauen decken die geheimen Aktivitäten der Behörde auf und leiten eine große Reform ein.

Die Kurzgeschichte lebt von der überzeugend herausgearbeiteten Beziehung zwischen den zwei sehr unterschiedlichen Frauen. Die erste Begegnung geht fürchterlich schief. Minnie wird durch ihre Arbeit in der Eindämmungsbehörde jeden Tag daran erinnert, dass ihr das Singen verboten wurde. Rosetta wiederum sieht darin eine gerechte Sühne dafür, dass ihre Karrieregelüste den Tod ihrer Mutter verursacht haben. Durch die sie beide verbindene Musik gelingt es den beiden Beamtinnen, Freundinnen zu werden. Wanak schafft dabei geschickt ein Ensemble an ähnliche starken Nebenfiguren im Berufsumfeld Rosettas und Minnies. Denn bei ihrer Arbeit sind sie immer auf einen Begleiter angewiesen. Nur durch eine enge Beziehung zu diesen Begleitern gelingt es ihnen, ihre Freizeitaktivitäten und kleinen abendlichen Auftritte geheim zu halten. Die Unterschiede, die Hautfarbe und sexuelle Orientierung, in diesem Chicago der 50er-Jahre in einer Alternativwelt mit tödlichen Sporen machen, sind dadurch gelungen und fesselnd dargestellt. Wanak erschafft ein atmosphärisch so starkes Umfeld, dass es beinahe spannender ist als die Geschichte um die Stümpfe und ihre Eindämmung.

Die Sporen, die aus den Stümpfen treten, sorgen für eine permanente Bedrohungskulisse. Im schlimmsten Fall, wenn die Eindämmungsbehörde nicht erfolgreich genug ist, muss die ganze Stadt unter Quarantäne gestellt werden. Es ist sehr gelungen, wie unterschiedlich Rosetta und Minnie mit dieser Bedrohung umgehen. Während Rosetta die Verpflichtung fühlt, der Gesellschaft zu helfen, repräsentiert Minnie eine stärker individualistisch veranlagte Position, in der diese Gesellschaft auch für sie lebenswert sein soll. Die Stümpfe sorgen nicht nur für eine abstrakte Spannung, sondern führen die Geschichte direkt zu einer Verschwörung. Die Eindämmungsbehörde nutzt ihre Kompetenz bei der Bekämpfung der Stümpfe zur doppelten sozialen Kontrolle. In dem sie den Bürgern vorgibt, Gesang sei gefährlich, kontrolliert sie die Nachtclubszene. In dem sie das gesammelte, giftige Puder gezielt einsätzt, hält sie arme (und schwarze) Viertel unter Kontrolle. Beides ist ausgesprochen brutal und wirkt gleichzeitig ausgesprochen realistisch. Wanak illustriert dadurch, dass die Eindämmung tödlicher, außerirdischer Elemente, in diesem Fall einer Flora, nicht automatisch die höchste Priorität einer Regierung sein muss. Man könnte ja auch erst einmal prüfen, ob man damit die eigene Kontrolle über die Gesellschaft verstärken kann. Dieser düsteren Erkenntnis setzt Wanak seine herzerwärmenden und authentischen Protagonisten gegenüber, die nicht nur die Kurzgeschichte mit Wärme erfüllen, sondern am Ende auch dafür sorgen, dass der öffentliche Gesang seine heilende Wirkung entfalten kann. Der daraus entstehende Mix unterhält in dieser atmosphärisch starken und trotz ihrer ruhigen Art sehr spannenden Kurzgeschichte auf bewegende wie nachdenkliche Weise.

Die Kurzgeschichte „Sister Rosetta Tharpe and Memphis Minnie Sing the Stumps Down Good“ von Lashawn M. Wanak ist 2018 im „FIYAH„-Magazin erschienen und wurde 2019 im „Apex„-Magazin abgedruckt. Sie ist außerdem ein Beitrag in der Anthologie „The Best American Science Fiction and Fantasy 2019“, herausgegeben von Carmen Maria Machado und John Joseph Adam.

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