Cannibal Acts (von Maureen McHugh)

Ein chinesischer, militärischer Virus ist außer Kontrolle geraten und ein Großteil der Menschheit ist Tod. Der Rest kämpft um die wenigen verbliebenen Ressourcen und vor allem um Medikamente. Die Geschichte spielt in einer Enklave in Alaska, in die sich eine Gruppe Wissenschaftler retten konnte. Sie müssen sich gegen Angriffe anderer Gruppen verteidigen. Da die Ressourcen knapp sind, ist die erzählende Ärztin damit beauftragt, die Toten in Lebensmittel umzuwandeln. Nicht alle Mitglieder der Enklave machen bei dieser kannibalischen Überlebensstrategie mit. Die Partnerin der Ärztin kann das zum Beispiel nicht über sich bringen. Während die Ärztin mit der Schuld lebt, die eigene Regierung nicht über ihre Erkenntnisse der chinesischen Militärforschung zu informieren, erfährt sie, dass ihre Partnerin sie für ihre Überlebensstrategie nicht verurteilt, sondern sich im Gegenteil wünscht, wenn sie aus Schwäche stirbt, zu dem Überleben ihrer Liebe beizutragen.

„Cannibal Acts“ ist ein Beitrag in einer Ausgabe über Dystopien. Und tatsächlich handelt es sich um eine ausgesprochen düstere Dystopie. Die Erzählung beginnt damit, dass die Erzählerin einen toten Mann für das Abendessen zubereitet. Der Stand der menschlichen Gesellschaft, das wird somit zu Beginn klar gestellt, ist, dass selbst die höchstgebildeten Menschen auf Kannibalismus zurückgreifen müssen, um zu überleben. Das wiederum führt zu einer Spaltung der Gemeinschaft in Alaska. Auf der einen Seite stehen die Menschen, die sich mit dieser Überlebensstrategie arrangieren können, auf der anderen Seite diejenigen, die dies aus ethischen Gründen nicht über sich bringen können. Diese Diskussion darüber, wie unterschiedlich weit Menschen bereit sind zu gehen, um zu überleben, ist recht interessant. Die Erzählerin weiß um die ethischen Bedenken ihrer Überlebensstrategie. Und sie fürchtet sich davor, von ihrer Geliebten dafür verurteilt zu werden. Tatsächlich stößt sie aber auf sehr tolerante moralische Grundsätze. Diese irritierend rationale Unterhaltung, die gleichzeitig voller Liebe ist, im Angesicht des Untergangs der Menschheit ist ausgesprochen rührend. Vernunft und Liebe sind das Licht in der Dunkelheit dieser Kurzgeschichte.

Darum herum gelingt es McHugh ihre Welt mit vielen kleinen und größeren, aber immer schaurigen Elementen auszustatten. Mal stellen sich die Angreifer auf die Enklave als verzweifelte Jugendliche heraus, deren Ansturm letztlich von dem Virus selbst gestoppt wird. Ein anderes Mal erfährt der Leser, dass die erzählende Ärztin bereits vor dem Einsatz auf einem Kongress über die chinesische Forschung an tödichen Viren erfahren hat. Sie hat diese Information für sich behalten, auch um ihren Informanten, einen Kollegen, nicht in Gefahr zu bringen. „What were we going to do, invade China over microbiology?„, rechtfertigt sie sich. Diese komplexe, auf engem Raum entwickelte Gemengelage ist spannend, faszinierend und ausgesprochen lesenswert. McHugh verbindet eine spannende Apokalypse mit einer erschreckenden Dystopie und einem so schaurigen wie traurigen und lieblichen Schluss.

Die Kurzgeschichte „Cannibal Acts“ von Maureen McHugh ist 2017 in der „Global Dystopias„-Ausgabe der Boston Review erschienen. Sie ist außerdem ein Beitrag in der Anthologie „The Best American Science Fiction and Fantasy 2018“, herausgegeben von N.K. Jemisin und John Joseph Adam.

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