Gods, Monsters and the Lucky Peach (von Kelly Robson)

Im Jahr 2267 leben Menschen wieder auf der Erdoberfläche. Nach einer ökologischen Katastrophe war das lange Zeit nicht möglich. Die „Plague Babies“, eine Generation, die stark unter grassierenden Krankheiten litt und viele ihrer Gliedmaßen durch Implantate ersetzte, hat durch mühsames Terraforming wieder lebensfähige Räume in Habitaten geschaffen. Doch die Restaurierung der Erdoberfläche kommt mittlerweile nur noch stockend voran. Die „Fat Babies“; eine neue gesunde Generation, scheint andere Ziele zu verfolgen. Die Banken, die die Wirtschaft dieser Post-Apokalypse weiter unter Kontrolle haben, sehen nur geringe Profite in den extrem langfristig orientierten Terraformingprojekten. Und zuletzt hat die Entdeckung von Zeitreisen in die Vergangenheit eine funktionierende Umwelt in der Gegenwart unnötig gemacht, man kann für einen Urlaub schließlich einfach durch die Zeit reisen. Minh ist ein „Plague Baby“ und eine dekorierte Restaurationswissenschaftlerin, die das Gefühl hat, ihr Lebenswerk sei am Widerstand der Banken und den Verlockungen der Zeitreisen gescheitert. Kiki ist ein idealistisches „Fat Baby“ und eine zielorientierte Bürokratin in dem Konsortium, für das Minh arbeitet. Die beiden beginnen ihre Zusammenarbeit für einen ungewöhnlichen Projektantrag. Ein Kund möchte die Wiege der menschlichen Zivilisation, den Euphras und den Tigris wiederherstellen. Dafür soll ein Team durch die Zeit reisen, um die beiden Flüsse möglichst wirklichkeitsgetreu zu restaurieren. Minh hasst die Zeitreisefirma dafür, dass durch sie die Förderung von Restaurationsprojekten beinahe eingestellt wurde. Doch in diesem Projekt sieht sie eine Chance, auch ihr Lebenswerk wieder zu restaurieren. Kiki wiederum sieht eine Möglichkeit, die menschliche Zukunft zu verbessern. Aber was sieht ihr Auftraggeber in dem Projekt.

Robson schafft eine beeindruckende und phantastische Zukunftsversion. Nach der ökologischen Katastrophe leben Menschen beengt in Habitaten. Viele sind unter der Erde, aber einige sind der unwirtlichen Erde mit mühsamer Arbeit abgerungen. Banken sowie die Anhänger der neuen Zeitreisetechnologie haben einen neuen (und kostspieligen) Weg gefunden, das Leben erträglich zu machen. Das schafft präsente Konflikte. Die Banker wünschen Profite, nicht Ergebnisse, die der Gesellschaft dienen. Die Firma, die das Patent auf Zeitreisen hält, verfolgt ebenfalls ihre eigenen Interessen, anstatt mit ihrem angehäuften historischen Wissen das menschliche Zusammenleben zu verbessern oder diese Ergebnisse gar in den Dienst der Wissenschaft zu stellen. Beides ist Minh und Kiki ein Dorn im Auge. Robson baut aber auch subtilere Konflikte in die Handlung ein. Auf der einen Seite gibt es einen latenten Generationenkonflikt. Nationen sind aufgrund der geringen Anzahl an Menschen weitgehend verschwunden. Es gibt aber unterschiedliche Gemeinschaften, die sich in erster Linie durch das unterschiedliche Alter ihrer Bewohner auszeichnen.. Während die einen von der Erfahrung von Seuchen gezeichnet sind, drängen jüngere Generation auf raschere Ergebnisse oder aber kollektivere Gemeinschaften. Auf der anderen Seite prallt bei den beiden Hauptprotagonistinnen Idealismus auf Pragmatismus. Diese Konflikte werden zunächst von dem überbordenden (und sehr realistische wirkenden) Maß an Bürokratie erstickt, das für das Stellen eines wissenschaftlichen Projektantrags notwendig ist. Sie erzwingt Pragmatismus geradezu. Erst als Minh und Kiki in einem Team in die Vergangenheit aufbrechen wird deutlich, dass die beiden Frauen nicht nur das Alter, sondern auch eine unterschiedliche Welteinstellung trennt. Das aus Kompromissen bestehende Leben Minhs gibt ihr wenig Handhabe dabei, die jüngere, idealistischere und werteorientierte Kiki zu verstehen. Was zunächst nur wie überbordendes Engagement erscheint, wird bei Kiki rasch zu fanatischem Einsatz erst für das Projekt und anschließend für die aus ihrer Sicht einzig richtigen Werte. Dabei wird deutlich, dass der Grund für die fehlende Zusammenarbeit der Plague und Fat Babies keineswegs unterschiedliche Ziele, sondern völlig unterschiedliche Herangehensweisen sind. Diese Darstellung der Konflikte, die den Großteil der Novelle nur im Hintergrund auftauchen, am Ende aber direkt mit Minhs Handlungen und Emotionen verwoben werden, ist sehr gelungen.

Die eigentliche Mission in der Vergangenheit hat etwas mystisches. Ur ist die Wiege der menschlichen Zivilisation. Die Zeitreisetechnik, die hier geschildert wird, stellt aber auch einige existentielle Fragen. Die Firma, die das Patent hält, behauptet, dass nach jeder Reise die Zeitlinie kollabiert. Dementsprechend könne man frei Gott spielen, ohne mit irgendwelchen Konsequenzen zu rechnen. Der mitreisende Sicherheitsbeauftragte der Firma, stellt sich dementsprechend rasch als Psychopath heraus, dem es große Freude bereitet in der Vergangenheit Gott und vor allem Scharfrichter zu spielen. Die Darstellung der biologischen und geographischen Untersuchungen in der Vergangenheit und die dabei notwendige Interaktion mit den menschlichen Siedlungen 2000 Jahre vor Christi Geburt ist ebenfalls sehr gelungen. Zu Beginn jedes Kapitels erfährt man in einem kleinen Abschnitt wie die Reise der Terraformer den König Urs beeinflusst. Dadurch erzählt Robson eine faszinierende Geschichte, wie ein weltoffener König pflichtbewusst einer Bedrohung begegnet, dabei aber auch in der Lage ist, eine zu dieser Zeit unvorstellbare Situation am Ende zu durchdringen. Dies erhöht die mystische Atmosphäre der Reise zusätzlich.

Das Ende der Geschichte ist leider etwas abrupt. Minh erkennt im Laufe der Mission, dass viele Teile ihrer Arbeit schlicht gescheitert sind. Sie macht einen Fehler nach dem anderen und bringt die Mission in Gefahr. Kiki entdeckt, dass sie mit dem Tod einiger Einwohner Urs nicht leben kann, obwohl die Zeitlinie nach ihrer Rückkehr vernichtet wird. Indem sie die Waffen des Teams unbrauchbar macht, bringt sie alle zurück. Fabian entscheidet sich daher am Ende, alle anderen Teilnehmer zurückzulassen. Am Ende haben alle Protagonisten irgendwie Schuld auf sich geladen. Bei Fabian und seinen psychopathischen Eigenschaften ist das keine große Überraschung. Immerhin entkommt er zurück in seine Zeit. Minh und Kiki sind total gescheitert. Sie haben ihr Projekt nicht umgesetzt, sie haben ihre Ziele nicht erreicht und sie werden wenn die Zeitlinie tatsächlich bald zusammenbricht auch nicht mehr lange leben. Keine der beiden Frauen hat dabei aber wirklich einen Entwicklungsprozess durchlaufen. Minh erkennt, dass die Fat Babies nur deswegen das Terraforming nicht unterstützen, weil sie das Gefühl haben Minh und die Plague Babies hätten sich den Banken unterworfen. Diese Information erreicht sie aber zu spät, als dass Minh noch ihr Verhalten ändern könnte. Kiki bringt das gesamte Team in Lebensgefahr und erkennt zu keinem Zeitpunkt, dass diese Aktion vielleicht zu extrem war. Insofern steht man dem Ende der Novelle etwas ratlos gegenüber. Die kriegerische Auseinandersetzung mit den Bewohnern Urs und Fabians Flucht sind spannend. Aber angesichts der fein beobachteten gesellschaftlichen Konflikte, der authentischen Beschreibung des wissenschaftlichen Arbeitens der Zukunft und der detaillierten Ausarbeitung sowohl einer zukünftigen Welt als auch einer Gesellschaft im Zweistromtal der tiefen Vergangenheit wirkt das blasse Ende enttäuschend. Da „Gods, Monsters and the Lucky Peach“ in vielen verschiedenen Formen in schöner, mitreißender Sprache thematisiert, was Menschlichkeit ausmacht und wie ein harmonisches, menschliches Zusammenleben aussehen könnte, wäre es wünschenswerter gewesen, das Ende hätte in irgendeiner Form die existentiellen Fragen der Handlung aufgegriffen und nicht nur ein auswegloses, aber auch inhaltsloses Szenario des Scheiterns geboten.

Die Novelle „Gods, Monsters and the Lucky Peach“ ist im tor-Verlag erschienen und für den Hugo Award 2019 in der Kategorie „Beste Novelle“ nominiert.

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