The Resident (von Carmen Maria Machado)

Eine Schriftstellerin hat einen Platz in der Künstlerresidenz in Devil’s Throat für den Sommer erhalten. Nach einer langen und anstrengenden Autofahrt kommt die Autorin einen Tag früher als von den Organisatoren erwartet an dem Hotel an. Die abgeschiedene Anlage liegt in der Nähe eines Sees, an dem die Autorin die Sommer ihrer Jugend in Pfadfinderlagern verbracht hat. Während ihres Aufenthalts möchte die Schriftstellerin ihren Roman, der ihre Kindheitserinnerungen verarbeitet, voran bringen. Doch die direkte Konfrontation mit dem Ort ihrer Jugend, an dem sie auf traumatische Art ihre lesbische Neigung entdeckt, nimmt sie mit. Auch hat sie Schwierigekeiten, sich in die Künstlergemeinschaft zu integrieren. Ihre Hoffnung auf Freundschaft mit einer Fotografin erfüllt sich nicht. Zunehmend wird sie von ihren Mitbewohnern als eigenbrötlerisch und verrückt wahr genommen. Die Situation spitzt sich zu als die eine Komponistin, die der Schriftstellerin in Abneigung verbunden ist, sie fragt, ob sie sich fürchte zu einem Klischee der verärgerten und verbitterten Lesbe zu werden. In dem darauf folgenden kurzen Wortgefecht zeigen sich die Verletzungen beider Frauen, die das Camp kurz darauf verlassen. Die Schriftstellerin kehrt zu ihrer Gattin zurück, wo sie nicht nur Orientierung und Halt sucht, sondern auch das Gefühl, gebraucht zu werden.

Die lange Kurzgeschichte überzeugt mit einem träumerischen, melancholischen Ton. Die abgeschiedene Hotelanlage, mitten in einer Gegend, die einst nur von Superreichen frequentiert wurde, nach einer großen Rezession aber unbewirtschaftet brach liegt, zeichnet eine Gefühlsmischung aus Einsamkeit, Ruhe und Freiheit. Die Künstler sollen hier fern von Ablenkung, auf sich selbst gestellt an ihren Werken arbeiten. Die Dynamik zwischen den verschiedenen Bewohnern des Hotels ist sehr gut dargestellt. Kurze Freundlichkeiten unter Fremden wirken genau so authentisch wie die umgehende Abneigung zwischen starken Persönlichkeiten. Dabei erlebt der Leser alles aus der Perspektive der Autorin und erfährt dadurch mehr über deren Selbstzweifel und Ängste.

Der Handlungskern der Geschichte ist relativ dünn. Die Autorin wird immer wieder von Schwermüdigkeiten und Krankheiten eingeholt. Alles hat damit zu tun, dass der See Erinnerungen an ihre anscheinend unglückliche Kindheit hervorruft. Dabei kommt ihr die Demütigung wieder in den Sinn als sie die Zeichen einer Freundin missdeutet und vor den Augen der gesamten Pfadfindergruppe wegen ihrer sexuellen Neigungen ausgegrenzt und verspottet wird. Aber auch ein ihr einst wichtiges Pfadfinderlied, das auf die Konfrontation mit dem eigenen Selbst in der Einsamkeit ausgerichtet ist, kommt ihr in der Zeit wieder in den Sinn. Dadurch werden alte Ängste und vor allem schlafwandlerische Tendenzen wieder aktiviert. Der Leser versteht dadurch Stück für Stück, warum der Autorin Selbstkontrolle so wichtig ist und erlebt wie ihr diese Selbstkontrolle mit der Zeit entgleitet.

Und so wird die Autorin am Ende damit konfrontiert, dass ihre Arbeit autobiographische Züge trägt. Wütend hält sie ihrer Kritikerin entgegen, dass Männer ständig aus genau diesem egozentrischen Grund Romane schreiben würden, ohne dass sich jemand darüber aufrege. Und doch löst die Kritik eine Affekthandlung aus, in der die Autorin am Ende ihre Fortschritte vernichtet und vorzeitig zu ihrer Familie zurückkehrt. Die Furcht, ein Klischee zu sein, die Furcht, hinter der starken und vor allem intelligenten Fassade könnten sich doch Unzulänglichkeiten verstecken, scheint zu stark. Oder aber der Aufenthalt hatte tatsächlich etwas befreiendes, die Vergangenheit hinter sich lassendes, sodass es nun möglich ist, Kreativität und Talent in andere Richtungen als das eigene Kindheitstrauma zu lenken. All dies bleibt eine Interpretationsfrage für den Leser. Und genau diese nicht immer eingängliche Vielstimmigkeit der Geschichte mit ihren skurrilen, an das Ensemble einer rustikalen Horror-Erzählung erinnernden Charakteren und der melancholischen, weitläufigen Stimmung macht den Text auf eigenartige und nachdenkliche Art fesselnd.

Die Kurzgeschichte „The Resident“ von Carmen Maria Machado ist 2017 in der Anthologie „Her Body and Other Parties“ erschienen. Sie ist außerdem ein Beitrag in der Anthologie „The Best American Science Fiction and Fantasy 2018“, herausgegeben von N.K. Jemisin und John Joseph Adam.

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