Das Land ohne Sterne (von Pierre Christin & Jean-Claude Mézières / Valérian et Laureline Band 3)

(Die Besprechung beruht auf dem Comic „Le Pays sans étoile“ im zweiten Band der französischen Gesamtausgabe.)

Im Ukbar-System mühen sich Siedler auf vier Planeten ab, um den kargen Planeten wertvolle Rohstoffe zu entlocken. Valérian und Laureline inspizieren das System. Auf dem letzten Planeten erfahren sie, dass ein Planet im System aufgetaucht ist und droht, die anderen vier Planeten aufgrund seiner fehlenden Umlaufbahn zu zerstören. Die beiden Agenten untersuchen den Planeten und entdecken darin eine Hohlwelt. Hier führen die Stadtstaaten Malka und Valsennar einen erbarmungslosen Vernichtungskrieg gegeneinander. Die Städte streiten sich erbittert um die Frage, welche Rolle Frauen bzw. Männer in der Gesellschaft haben dürfen. Mit ihren mächtigen Waffen bringen sie die Hohlwelt immer wieder aus ihrer Umlaufbahn und drohen damit sowohl ihren eigenen Planeten als auch die vier Planeten des Ukbar-Systems zu zerstören. Valérian und Laureline infiltrieren jeweils die Armeen einer der beiden Städte, um die beiden Regierungsoberhäupter irgendwie davon abzubringen, ihren fatalen Krieg fortzusetzen.

Der Comic aus dem Jahr 1972 thematisiert die Absurdität der sich hartnäckig haltenden Diskriminierung zwischen den Geschlechtern. Kern der Geschichte ist die Willkür, mit der Unterschiede zwischen Männern und Frauen konstruiert werden. Malka wird von brachialen Frauen regiert, die die Männer der Stadt mit harter Hand unterdrücken und dennoch in der Armee vor allem auf männliche Soldaten setzen. Valsennar wiederum wird von einer dekadenten Männerschar regiert, die Frauen für minderwertig halten und sich genau wie ihre Kolleginnen in Malka in der Kriegsführung aber auch im Alltag auf die Arbeit der Frauen verlassen. Der größte Unterschied zu menschlichen Gesellschaften ist, dass Unterdrückung in der Regel mit einer Zugangssperre zum Militär einhergeht. Das ist hier anders: Das unterdrückte Geschlecht trägt sowohl die zivile als auch die militärische Last der Kriegsführung. Die Führungsriege in beiden Armeen entspringt jedoch dem dominanten Geschlecht. Dieser Konfliktaufbau ist sehr faszinierend, in schönen Bildern in Szene gesetzt und in seiner entlarvenden Absurdität überzeugend. Besonders stark sind die Momente, in denen Valérian bzw. Laureline mit dem „Fußvolk“ über die Machtverhältnisse reden. Aufgrund jahrelanger Propaganda sind auch die Männer in Malka bzw. die Frauen in Valsennar fest davon überzeugt, dass die Herrschaft des jeweiligen anderen Geschlechtes ausschließlich zu ihrem Besten geschieht. Die Natürlichkeit der Verhältnisse und der damit verbundene Hass auf jede Gesellschaft, die diese Ordnung in Frage stellt, werden somit mehr oder weniger subtil als Absurdität entlarvt.

Valérian und Laureline wären wahrscheinlich heillos verloren gewesen, hätte ihr erster Kontakt entweder mit Malka oder mit Valsennar stattgefunden. Daher lassen die Autoren die beiden Helden zunächst auf das Nomadenvolk der Lemms treffen. Diese ernten unter harter Arbeit ein bestimmtes, explosives Material. Der Einsatz dieses Materials in der Kriegsführung ist die Ursache dafür, dass die Hohlwelt eine Gefahr für sich selbst und andere Planeten ist. Aufgrund ihrer kriegsentscheidenden Position sind die Lemms nicht dazu gezwungen, ein Geschlecht dem anderen unterzuordnen. Dies ist die umgekehrte Logik eines Stellvertreterkrieges (derer es in den 1970er aufgrund des Kalten Krieges einige gab): Das vermeintlich primitivere Volk hat die bessere Position, in dem es sich für beide Seiten unentbehrlich macht. Gleichzeitig verwehren sich die Lemms jedoch dagegen, irgendwelche Verantwortung für den Krieg, der nur aufgrund ihrer Arbeit überhaupt möglich ist, zu übernehmen. Sie werden dazu nicht nur zu den Lehrmeistern Valérians und Laurelines, sondern auch zum bissigen Kommentar gegen die militärische Forschung, die sich über die Auswirkungen ihrer Ergebnisse wenig Gedanken macht.

Neben diesen beiden politischen Elementen ist der Comic sowohl schön anzusehen als auch unterhaltsam. Das liegt auf der einen Seite an den faszinierenden Bildern der Hohlwelt, der Lemms-Karawanen und der beiden prächtigen Städte. Aber auch der Höhepunkt des Bandes, eine gewaltige Schlacht zwischen den beiden Städten, ist eindrucksvoll gezeichnet. Die Schlacht sorgt für viel Action, einen wahrhaftigen Schock-Moment und damit für ein hohes Tempo und etwas Spannung. Dazwischen behält der Band trotz seiner ernsten Themen immer eine lockere Note: Gerade Valérian, der ein Faible für den lokal produzierten Alkohol gewonnen hat und außerdem zu Beginn des Comics eine ausgesprochen patriarchalische Einstellung zeigt, sorgt für einige Lacher – und muss am Ende (wieder in Verbindung mit Alkohol ausgesprochen augenzwinkernd) die Vorzüge matriarchalischer Elemente anerkennen. Diese Mischung aus Ernst, Spannung und Komik ist sehr gelungen.

Etwas weniger gelungen ist die Auflösung des Comic: Valérian und Laureline erwerben das Vertrauen der jeweiligen Herrscher, entführen diese in den Weltraum, lassen die Königin bzw. den König erstmals die Sterne sehen und überzeugen sie davon, vom Krieg abzulassen. Dieser Top-Down-Ansatz erscheint etwas zu simpel. Denn nach der Versöhnung heiraten die beiden Oberhäupter umgehend, woraufhin viele Bewohner der Städte nachziehen. Hier wäre es schön gewesen, der Comic hätte noch etwas Platz für eine etwas komplexere Auflösung, in der z.B. das unterdrückte „Fußvolk“ der Städte ihr Schicksal selbst in die Hand genommen hätte. So erscheint Gleichberechtigung in erster Linie als etwas, das von oben „gewährt“ wird.

Trotz diesen kleinen Abstriches der simplen Auflösung – die in dem begrenzten Rahmen eines Comic-Albums vermutlich schlichtweg zwingend notwendig war – ist „Das Land ohne Sterne“ ein vielseitiger, mit Action und Humor geladener und dennoch nachdenklicher und neugieriger Comic-Band. Das ist vielleicht weniger mysteriös und komplex wie der Vorgänger, dafür wird aber wieder eine gute Grundidee in phantastische Bilder und eine spannende und kurzweilige Handlung verwandelt.

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