Die Plotter (von Un-Su Kim)

Raeseng ist ein Auftragskiller in Südkorea. Seine Opfer und der genaue Tathergang werden von Plottern entwickelt und ihm von seinem Chef dem skurrilen und verkrüppelten Bibliothekar Old Racoon, der Raeseng als Waise adoptierte und zum Killer erzog, weitergeleitet. Attentäter wie Raeseng leben nicht lange, resigniert hat sich Raeseng bereits mit dem Gedanken an ein kurzes Leben abgefunden. Doch dann driftet sein Chef und Meister Old Racoon angesichts modernerer, effizienterer und blutrünstigerer Konkurrenz ebenfalls immer weiter in die Resignation ab und Raeseng stellt sich immer mehr die Frage, ob man für das eigene Überleben nicht doch kämpfen sollte. Als dann auch noch eine neue Kraft auftaucht, die verspricht das gesamte Plotter-Geschäft auf den Kopf zu stellen und langfristig unmöglich zu machen, muss Raeseng sich doch entscheiden, ob er in und mit seinem Leben eine Position in der Frage über die Zukunft seines Berufsstands bezieht.

„Die Plotter“ entwirft eine Welt, in der ein brutaler Raubtierkapitalismus alles käuflich macht. Daher steht in dem Thriller immer auch die Frage im Raum, wie viel Fiktion und wie viel Realität der Roman eigentlich in Raesengs Branche liest. Raeseng hat seine Rolle in der Maschinerie auf jeden Fall akzeptiert. Er ist sich bewusst, dass er das letzte Glied einer langen Kette ist und damit am einfachsten abgestoßen werden kann. Da er sein Leben lang in der „Bibliothek“ seines Auftraggebers gelebt hat, ist ein anderes Leben für ihn gar keine Möglichkeit. Stattdessen arbeitet er sich nüchtern, etwas depressiv und lethargisch aber letztlich mit brutaler Effizienz durch seine Aufträge ab. Diese Perspektive, Raesengs immer mal wieder aufblitzende Reflexionen und Gedanken, die er sofort wieder mit Resignation, Relativismus und viel Bier verschwinden lassen, ist sehr beeindruckend.

Sie ist auch sprachlich sehr überzeugend in Szene gesetzt. In „Die Plotter“ geschieht wenig direkt, Gewalttaten werden bis zum Höhepunkt meist in Rückblenden erzählt. Und dennoch ist der Roman ausgesprochen spannend, was an der direkten Sprache, der unmittelbaren Perspektive Raesengs sowie der verworrenen und dennoch faszinierenden Situation in dem Plotter-Business liegt. Raeseng operiert in einem undurchsichtigen Dickicht aus Akteuren, die einander nicht kennen und dennoch permanent Signale gegenüber Konkurrenten setzen müssen – was in der Regel den Tod für einen von Raesengs Kollegen bedeutet. Diese Unsicherheit, in dem der Einzelne keinerlei Überblick darüber hat, was tatsächlich vor sich geht, packt den Leser von Beginn an.

Allerdings steht in dem Roman nicht im Mittelpunkt, die Plotter-Branche zu verstehen. Stattdessen wird die Frage, woran Raeseng glaubt und glauben kann immer deutlicher. Nachdem er eine Bombe in seiner Toilette findet, verschafft Old Racoon Raeseng einen kurzen Ausflug in ein „normales“ Leben. Dort hat Raeseng alles was er braucht, von einer Partnerin bis hin zu Wertschätzung am Arbeitsplatz. Auch hier wird die Ausbeutung von Arbeitskraft thematisiert und doch wäre Raesengs Lebenserwartung in diesem Leben, das er laut Racoon gar behalten könnte, deutlich länger. Dennoch zieht es Raeseng zurück in eine Welt, in der seine besten Freunde, wenn man sie denn so nennen kann, längst tot sind. Der Gedanke, in seinem neuen normalen Leben zu bleiben, betrachtet Raeseng nie ernsthaft.

Und doch muss er nach seiner Rückkehr erleben, wie Old Racoon von seinen Konkurrenten immer mehr ausgebootet wird. Für Raeseng wird klar, dass er entweder die Seiten wechseln muss oder aber mit seinem Meister untergehen wird. In dieser Situation wird er vor die Wahl gestellt, ob er wie Racoon resigniert untergehen möchte, durch einen Seitenwechsel sein Leben noch ein paar Jahre verlängern möchte oder durch eine waghalsige Aktion mit etwas Courage und Glück das komplette System mithilfe einer plötzlich auftauchenden neuen Kraft zum Umsturz bringen will. Am Ende entscheidet sich Raeseng dafür ein ganz eigenes Zeichen zu setzen, erstmals in seinem Leben etwas aus Zuneigung zu einer anderen Person zu tun und dabei zwar nicht so effizient und zielgerichtet wie sonst vorzugehen, sein Leben weiterhin riskierend, diesmal aber für eine Sache, für einen Zweck, der ihm einleuchtet. Damit kann Raeseng seinem ihm von Anfang an bewussten Schicksal nicht entkommen. Ob er damit etwas erreicht, ob er seine Freunde schützt oder gar das System gefährdet, bleibt offen. Zurück bleibt ein spannender, temporeicher und doch nachdenklicher Höhepunkt und die Fragen, die dem Plotter-Wesen und damit dem Roman zu eigen sind: Wie viel ist ein Leben wert und wofür ist es etwas wert? Raesengs Antwort auf diese Fragen, auf seine Reaktion auf den Mord an Freunden und seiner Konfrontation mit unbekanntem Elan, schaffen in diesem fesselnden Roman sowohl Verstörung als auch eine nachdenkliche Stimmung.

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