The Visitor from Taured (Ian R. MacLeod)

Eine wissenschaftliche universitäre Ausbildung ist in der Zukunft exotisch, die meisten Studiengänge sind eher oberflächliches Entertainment. Noch exotischer sind Bücher bzw. jedwede Form geschriebener Erzählungen. Lita wählt daher – auch dank ihres privilegierten Hintergrunds – eine riskante Entscheidung: Sie studiert ‚Analogue Literature‘ an einer seriösen Universität. Dort lernt sie den Astrophysiker Rob kennen. Über die Zeit verliebt sie sich in den intellektuellen Wissenschaftler, der sich in den Kopf gesetzt hat, die Vielweltentheori zu beweisen. Doch je weniger sich sein Feld für seine ambitionierte Forschung interessiert, desto mehr wandert Rob auf den Spuren seiner suizidalen Eltern.

„The Visitor from Taured“ entwickelt seinen ganz eigenen Sog. Die Hälfte der Kurzgeschichte ist äußerst langsam, baut die Welt der Zukunft auf, in der sich selbst Wissenschaftler nicht mehr wirklich für ihr Feld interessieren. Wie Romane ist ambitionierte Wissenschaft zu einem Relikt geworden. Doch auch in dieser Welt gibt es noch Liebhaber: Lita, die sich für anspruchsvolle Literatur interessiert, und Rob, der die Vielweltentheorie beweisen möchte. Für alle ist klar, dass Rob angesichts seines Talentes (und seines noch immer relevanten Faches) eine großartige Karriere vor sich hat. Wie in der heutigen Zeit, sind sich die Geisteswissenschaftler dessen nicht wirklich sicher. Aufgrund ihrer Kenntnisse interessanter Plot gelingt Lite dennoch eine fantastische Karriere damit, diese Plots aus der Literatur in andere Medien zu übersetzen. Durch diese Mischung aus Ungewissenheit und Erfolg fiebert der Leser mit Lita mit.

Rob wiederum gelingt der Erfolg nicht. Er leidet zum Teil daran, dass seine Eltern beide auf der heimischen Farm (vermutlich durch Selbstmord umgekommen ist). Vor allem aber leidet er an dem Desinteresse seiner Kollegen an wirklich bahnbrechender Forschung. Die Freundschaft zwischen Lita und Rob (die Lita gerne als mehr sehen würde) hält über die Jahre an. Diese Beziehung zwischen den beiden, in der Lita pragmatischen Erfolg hat und dennoch zu Rob und seinen Idealen aufblickt, ist sehr gut inszeniert.

Letztlich scheitert Rob mit seinen Ambitionen und scheidet aus dem Leben. Lita ist zu dem Zeitpunkt ihrem Ziel einer Beziehung mit Rob gefühlt sehr nahe. Und so scheitert auch sie mit ihrer Suche nach Glück an der Seite des von ihr geliebten Menschen. Das Ende ist daher nachdenklich und schaurig: Wie geht man damit um, wenn die eigenen Ambitionen nicht nur völlig verkannt werden, sondern sich auch als sinnlos herausstellen? Und wie geht man damit um, wenn ein Geliebter Mensch den Tod über die eigene Beziehung stellt? Lita baut sich so eine Traumwelt auf, in der Rob wegen fehlender Anerkennung einfach in eine andere Welt gewandelt ist. Dieses melancholische Ende ist so schlicht wie ergreifend.

„The Visitor from Taured“ baut eine glaubwürdige und bewegende Freundschaft auf. Mit diesem emotionalen Pfund zeichnet die Kurzgeschichte zwei parallele Leben auf, die mit wissenschaftlichem Misserfolg und verkannter Liebe umgehen müssen. Dieser Mix ist ergreifend und regt in Verbindung mit den Prioritäten der hier skizzierten Zukunftsgesellschaft zum Nachdenken über Lebensziele und -entwürfe an.

Die Kurzgeschichte „The Visitor from Thaured“ von Ian R. McLead ist 2016 im „Asimov’s Science Fiction„-Magazin erschienen. Sie ist außerdem ein Beitrag in der Anthologie „The Year’s Best Science Fiction (34. Annual Collection)“, herausgegeben von Gardener Dozois. 

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