The Shape of Bones (von Daniel Galera)

Hermano fährt frühmorgens mit dem Fahrrad durch Porto Alegre. Sein Ziel ist ein guter Freund, mit dem er einen bisher noch nicht bestiegenen Berg erklimmen möchte. Die Verabschiedung von seiner Frau war unterkühlt. Und so denkt Hermano über seine Beziehung nach. Warum hat er sich auf die Nicht-Verabschiedung von seiner Frau eingelassen? Warum hat er sich mit der zerrütteten Beziehung überhaupt arrangiert? Seine Gedanken schweifen weiter ab und bald denkt er über seine Kindheit und seine Jugend nach. Bald radelt er nicht mehr zu dem vereinbarten Treffpunkt, sondern in Richtung des Bezirks, in dem er groß geworden ist. Dort findet er, verloren in seinen Gedanken, Antworten auf die Frage, warum er so ist, wie er ist.

„The Shape of Bones“ basiert auf einer simplen Idee. Der sportbegeisterte Hermano führt ein erfolgreiches Leben, ist ein bekannter Chirurg. Doch weder seine Beziehung noch seine Freundschaften sind wirklich erbauend. Wie konnte es so weit kommen? An einem morgen, Galer nimmt den Leser dadurch sehr direkt in Hermanos Gedankenwelt. Die Kapitel spielen immer abwechselnd auf dem Fahrrad und in der Kindheit bzw. Jugend Hermanos. Erstere Kapitel geben als Überschrift immer die Uhrzeit der Gedanken an, letztere erzählen chronologisch Hermanos erste Gruppenzwang, Freundschafts- und Liebeserfahrungen.

Dieses Nachdenken darüber, wie Erfahrungen in Kindheit und Jugend die eigenen Entscheidungen beeinflusst sowie eine ungewöhnliche Sehnsucht zur Selbstbestrafung ausgelöst haben, ist sehr überzeugend und fesselnd. Galera gelingt es auf der einen Seite in schlichten Sätzen einen komplexen Charakter mit Leben zu füllen. Auf der anderen Seite werden mit Hermanos Geschichte eine Reihe interessanter Fragen in den Raum gestellt. Welche Aspekte seines Charakters entstammen tatsächlich aus Hermanos eigenen Gedanken, Wünschen und Hoffnungen und was wurde durch sein Umfeld und Hermanos Interaktion mit diesem geschaffen? Und wie viel trägt ein schreckliches Ereignis verbunden mit Hermanos Unfähigkeit dazu bei?

Es wird früh deutlich, dass die Erzählung auf ein Showdown am Ende hinausläuft. Doch Galera gelingt es, Hermanos Charakterisierung nicht auf ein schauriges Ereignis zu reduzieren. Hermanos Schwierigkeiten, seine eigene Position gegenüber anderen zu ermitteln, seine Verwirrtheit über seine Vorstellungen eines guten Lebens und seine sexuellen Vorlieben, werden von Galera pointiert und authentisch in Szene gesetzt. Dadurch wird Hermanos Unfähigkeit „männlichen“ Mut zu beweisen, letztlich nur zum Antrieb mit einem Umfeld zu brechen, in dem sich Hermano nicht verstanden fühlt. Letztlich fühlt sich Hermano nicht nur nicht verstanden, er hat sich selbst nie richtig verstanden. Dieses Nachdenken, diese Erkenntnis und die damit verbundene, überraschend spannende Suche nach Absolution und Neubeginn verbunden mit Galeras gradlinigem und direkten Ton lassen den Roman zu einem Sog werden, in dem der Leser begeistert mit Hermano über die (Nicht)Existenz von Identität und Männlichkeit rätselt.

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