The Collapsing Empire (von John Scalzi)

Die „Interdependency“ steht vor einem Epochenwechsel. Der alte Imperator liegt im Sterben, sein Sohn ist kurz zuvor verunglückt und so wird seine uneheliche Tochter Cardenia die neue Imperatorin. Sie herrscht über das mächtigste Imperium, das die Menschheit je geschaffen hat. Die Erde ist zwar unbewohnbar. Doch mithilfe des „Flows“, Verbindungen zwischen Sternensystemen, die Überlichtgeschwindigkeit ermöglichen, hat die Menschheit eine Reihe von Planeten besiedelt, auf denen sie nun unter riesigen Kuppeln lebt. Das politische System der Interdependenz lebt davon, dass jedes System sich auf die Herstellung auf eine bestimmte, lebensnotwendige Waren spezialisiert hat. Der Handel wird von mächtigen Syndikaten kontrolliert. Da kein System für sich allein überleben kann, ist Krieg praktisch ausgeschlossen. Die Menschheit lebt friedlich in dieser hyperkapitalistischen Welt, zusammengehalten durch die Religion der Interdependenz, deren Anführer/in der/die jeweilige Imperator/in ist. Doch auf dem einzigen Planeten mit atembarer Luft, der ganz am Rande aller bekannter „Flow“-Ströme liegt, End, braut sich etwas zusammen. Hier gibt es regelmäßig Rebellionen gegen das jeweilig herrschende Adelshaus. Doch diesmal scheint es anders zu sein, Terrorakte schwappen bis in die Hauptstadt der Interdependenz vor. Könnte das damit zusammenhängen, dass ein Physiker auf End behauptet, die „Flow“-Ströme werden sich nicht nur verändern, sondern ganz zusammenbrechen? Kaum ist Cardenia vereidigt, sieht sie sich mit der Herausforderung konfrontiert, das nahende Ende ihres Imperiums so zu verwalten, dass die voneinander abhängige Menschheit dabei überleben kann.

„The Collapsing Empire“ ist ein interessantes Gedankenspiel. Das liegt in erster Linie an der eben so interessanten Welt, die Scalzi aufbaut. Die Menschheit ist nicht mehr in der Lage, auf der Erde zu überleben. Verzweifelt stürzt man sich in den „Flow“ und baut unter widrigsten Umständen unter künstlichen Kuppeln eine neue Zivilisation. Im Laufe des Romans wird immer deutlicher, dass die hehren Ziele der Interdependenz einzig und allein dem Machterhalt einiger weniger Familien dienen. Sie haben die Reichtümer des neuen Wirtschaftssystems unter sich aufgeteilt und formen ein Kartell, das Kriege ausschließt und allenfalls begrenzte Machtkämpfe zwischen den Familien zulässt. Dieses Imperium, das gleichzeitig mächtig und unglaublich fragil ist, lebt von der Existenz des „Flows“ und seinem verknöcherten politischen System. In „The Collapsing Empire“ ist beides bedroht und wie das Römische Imperium einst fiel, scheint auch die Interdependenz zum Scheitern verdammt zu sein.

Die Handlung in der Interdependenz ist jedoch erschreckend langweilig. Außer Intrigen und das Beschreiben der faszinierenden Welt aus der Perspektive der jungen Imperatorin geschieht hier beinahe nichts. Die eigentliche Handlung spielt auf dem Planeten End. Einst war dieser Planet dazu gedacht, unliebsame Subjekte an den Rand (bzw. das Ende) des bekannten Universums zu verbannen. Diesmal glaubt jedoch eine mächtige Partei, dass der „Flow“ nicht zusammenbrechen wird, sondern End zum neuen Zentrum machen wird. Doch selbst wenn der „Flow“ zusammenbricht, ist End der einzige Planet, der der Menschheit eine langfristige Zukunft bietet. Auf den anderen Habitaten kann die Menschheit nämlich nur überleben, wenn sie mit mehreren System Handel treibt – was ohne Überlichtgeschwindigkeit unmöglich ist. Auf End wird also darum gekämpft, ob die Menschheit überleben kann und wer in diesem Prozess die Macht behält. Alle Akteure sind aber natürlich ausschließlich an ihrer Macht, nicht am Überleben der Menschheit, interessiert.

Während diese Handlung zwar spannender als die Szenen in der Interdependenz sind, können auch sie leider nicht ganz überzeugen. Dafür passiert einfach zu wenig: Ausführlich werden die Positionen der verschiedenen Seiten beschrieben. Dabei ahnt man schnell, wer hier ein doppeltes Spiel treibt. Der Roman arbeitet zwar zielstrebig auf ein bis zwei entscheidende Enthüllungen hin, wirklich überraschend sind diese für den aufmerksamen Leser nicht. Dass es Scalzi nicht gelingt, Spannung zu erzeugen, liegt auch an seinen schwachen Charakteren. Zwar gibt es ein paar skurrile Protagonisten (z.B. eine fluchende, sexfixierte Kapitänin eines Frachters, die unerwartet in den Konflikt auf End gezwungen wird), aber keiner der Charaktere kann wirklichen Tiefgang entwickeln bzw. sich die Sympathien des Lesers erarbeiten. „The Collapsing Empire“ wirkt dadurch steril. Mit keinem Charakter lässt sich hier wirklich mitfiebern.

Erschwerend kommt hinzu, dass Scalzi in diesem Band seine Charaktere nur erfahren lässt, dass das Ende nahe ist. Bis auf einen sich schließenden „Flow“-Zugang (und dies ist nicht einmal ganz bestätigt) passiert nichts. Neben seiner interessanten Welt und der gelungenen Grundidee bietet „The Collapsing Empire“ daher vor allem langwierige und langatmige Diskussionen und viel Gerede über Ereignisse, die in diesem Roman nicht stattfinden. Das ist vielversprechend, letztlich aber enttäuschend.

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