Children of Time (von Adrian Tchaikovsky)

Doktor Avrana Kern ist auf dem Höhepunkt ihres Schaffens angelangt. Nach einem erfolgreichen Terraformingprojekt setzt sie zu ihrem größten wissenschaftlichen Durchbruch an. Auf dem gerade an menschliche Bedürfnisse angepassten Planeten plant sie eine Affenkolonie auszusetzen und mit einem Virus zu identifizieren, dass den evolutionären Verlauf rasant beschleunigen wird. Bis das erste menschliche Schläferschiff im System eintrifft, wird der Menschheit auf dem Planeten eine intelligente Dienerrasse gewachsen sein. Doch das Projekt wird unterbrochen, überall schlagen fanatische Traditionalisten, die den Fortschritt der Menschheit untergraben wollen, gleichzeitig zu. Nur das Virus erreicht den Planeten, die Affen schaffen es nicht. In letzter Sekunde kann Kern dem Anschlag entkommen, lässt sich einfrieren und mit einem Computerprogramm verschmelzen. Auf dem Planeten werden derweil einzig bereits vorhandene Insekten dem Virus ausgesetzt. Viele tausend Jahre später steht die Menschheit vor dem Ende. Die Erde ist unbewohnbar und die letzten Überlebenden erreichen Kerns Planeten mit einem Schläferschiff. Doch Kern hat ihre Ansicht gegenüber Menschen mittlerweile verändert: Sie möchte keine Menschen auf dem Planeten, die ihre Schöpfung bedrohen. Doch die ankommenden Kolonialisten sind natürlich nicht gewillt, Kerns Urteil über das Schicksal der Menschheit zu akzeptieren.

Tchaikovskys Buch spielt auf zwei Ebenen. Auf dem Raumschiff Gilgamesh versucht eine Kernbesatzung, die immer wieder aus dem Schlaf geholt wird, eine neue Heimat für die wenigen verbliebenden Menschen zu finden. Auf Kerns Planet wiederum unterstützt das Virus vor allem die Intelligenz und Evolution eines Spinnenvolkes. Während die Lebensspannen der Spinnen relativ kurz sind, ist die Lebensspanne der Menschen durch regelmäßiges Einfrieren enorm lang. Die Protagonisten im menschlichen Handlungsstrang bleiben daher stationär dieselben, während die Spinnen sich nicht nur evolutionär weiterentwickeln, sondern dementsprechend auch immer wieder mit neuen Charakteren auftauchen. Tchaikovsky gleicht dies aus, indem er eine Reihe Spinnen mit selben Namen und ähnlichen Charaktereigenschaften (Porta, Bianca und Fabian) in den Mittelpunkt aller Spinnenkapitel stellt.

Vor allem die Spinnenhandlung entwickelt eine große Faszination im Verlaufe des Romans. Der Leser kann hier die Entwicklung von simplen Jägern bis hin zur Erschaffung einer Hochkultur verfolgen. All dies wird durch das Nanovirus ermöglicht. Der Erzähler vergleicht die Spinnen jedoch immer wieder mit Menschen und ist über die Auswirkungen des Virus, anders als die Spinnen, informiert. Dies gibt diesen Kapiteln den Eindruck einer (spannenden) historischen Abhandlung. Die Geschichte der Spinnen besteht aus einer langen Reihe an Kämpfen und Auseinandersetzungen. Geht es zunächst darum, das eigene Leben gegen vom Virus gestärkte Ameisenkolonien zu verteidigen, reihen sich im Verlauf religiöse und Geschlechterauseinandersetzungen ein. Denn Doktor Kern kommuniziert mit ihren Geschöpfen und wird somit rasch für eine Götting gehalten. Außerdem behalten die matriarchalischen Spinnen lange die Tradition, ihre männlichen Partner nach dem Geschlechtsakt zu töten, bei. Die religiösen und Geschlechterkämpfe sind sehr gut und unaufgeregt aufgesetzt und tragen zusammen mit der fremdartigen Kommunikation der Spinnen zu einer überzeugend ungewöhnlichen Gesellschaftsbeschreibung bei.

Diese Fremdartigkeit spürt man bei den jahrtausendealten Menschen nicht. Obwohl die Menschheit vor dem Abgrund steht, streitet man sich hier in alter Tradition weiter. Der nicht gewählte Kommandant des Schiffes wird, wenig überraschend, größenwahnsinnig, versucht sich selbst wie Kern durch ein Computerprogramm in die Unsterblichkeit zu überführen. All dies schafft blutige Konflikte und lebt hauptsächlich von der schrulligen Hauptperson, einem „Klassizisten“, der als einziger die Sprache der prä-apokalyptischen Menschheit beherrscht. Hier ist besonders seine unausgesprochene und dennoch überdeutliche Liebe zu der Chefingenieurin überzeugend. Abgesehen davon bleiben die Protagonisten auf der Gilgamesh jedoch blass. Sie alle werden von einem entweder hehren oder selbstsüchtigen Motiv angetrieben, das zu Beginn des Romans knapp skizziert und im Anschluss lediglich ausgearbeitet wird. Dabei wird vor allem die menschliche Hybris sowie die Tendenz zur Selbstzerstörung thematisiert: Auf der einen Seite sieht man Kerns Planeten als ein Erbstück der eigenen Vorfahren, auf der anderen Seite gelingt es aufgrund Machtkämpfen kaum, den Planeten zu erreichen.

Der Höhepunkt des Konflikts, die Auseinandersetzung zwischen Menschen und Spinnen, ist letztlich eine äußerst knappe Angelegenheit. Das gewollt überraschende Ende ist auf den letzten Seiten etwas vorhersehbar. Es ist jedoch eine interessante Auseinandersetzung der Frage, wie nicht nur Menschen, sondern sogar Menschen mit anderen Lebewesen in Frieden koexistieren können. Tchaikovskys Version stellt nicht etwas das Lernen aus der Vergangenheit in den Mittelpunkt, sondern präsentiert eine biologische Lösung, die allen Individuen Empathie für ihre Mitmenschen verordnet. Dies ist eine spontane, angesichts des hier präsentierten menschlichen Elends, aus dem einzig Liebesbeziehungen hervorstechen, jedoch konsequente Lösung, die ein zu philosophisches Ende elegant umgeht.

Neben den schwachen menschlichen Charakteren leidet „Children of Time“ vor allem an den ständigen Brüchen. Durch die Evolutionssprünge der Spinnen und den langen Schlafperioden der Menschen wird das Erzähltempo immer wieder durchbrochen, der Roman besteht beinahe eher aus sieben abgeschlossenen Episoden denn aus Kapiteln. Dadurch erscheint er teilweise etwas langsam. Das wird durch die dichte und einprägsame Beschreibung der Spinnen-Evolution sowie den in zugespitzten Situationen, spannend thematisierten, Glaubens-, Geschlechter- und Existenzkonflikten kompensiert. Die Gesellschaft der Spinnen ist unserer gleichzeitig völlig fremd und dennoch sehr nah, sodass man im Moment des Konflikts, als eine harmonische Lösung nicht mehr möglich erscheint, gar nicht sicher ist, auf wessen Seite man eigentlich stehen möchte. In Verbindung mit den sich trotz des drohenden Untergangs nicht verändernden Menschen, regt Tchaikovsky dadurch zum Nachdenken nicht nur über eine hypothetische, intelligente Spinnengesellschaft, sondern vor allem über die Auswirkungen von Egoismus, Machtwille und Hybris innerhalb der menschlichen Gesellschaft an.

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