Everyone from Themsis Sends Letters Home (von Geneveve Valentine)

Marie ist eine Strafgefangene. Als solche wurde sie unter falschem Vorwand für den Beta-Test eines hochmodernen VR-Spiels angeheuert. Mit ihr mussten sich zwei weitere Insassen für eine lange Zeit in der virtuellen Welt aufhalten. Während die anderen beiden gegen diesen Vorgang klagen, hat Marie ein anderes Anliegen. Sie möchte wieder in die virtuelle Welt zurückkehren, denn durch die täglichen Briefe, die sie von einer Mitarbeiterin erhalten hat, fühlte sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben anerkannt.

„Everyone from Themsis Sends Letters Home“ ist eine Zukunftsversion, in der Computerhersteller Menschen ausbeuten, um ihre Produkte zu testen. Wäre dies alles könnte dies als ein überzeichnetes, ironisches Statement auf einige Vorgänge in der Spieleindustrie gelesen werden. Denn viele Hersteller nutzen mittlerweile deutlich stärker als früher ihre (unbezahlten) Kunden, um in der Beta-Phase der Entwicklung Fehler im Produkt zu finden. Tatsächlich ist das Anliegen hier jedoch ein anderes: Denn der Test geschieht nicht ohne Gefahren für die Gesundheit der Teilnehmer und zudem unbezahlt und gegen ihren Willen. Die Simulation Themsis ist daher mehr als ein unbeschwertes, open world Spiel, da es einen brutalen Entwicklungshintergrund mit sich. Und obwohl diese Vorgänge bei der Veröffentlichung enthüllt wird, findet Themsis ein begeistertes Publikum.

Die Kurzgeschichte beschäftigt sich jedoch mit weitaus mehr als einer düsteren Spieleindustrie mit unkritischer Kundschaft. Marie und ihre Leidensgenossen rücken die Gefängnisindustrie in den USA in den Fokus. Denn während die drei Gefangenen keine materiellen Vorteile an dem Experiment haben, profitieren sowohl ihr Gefängnis als auch der Spielehersteller. „Everyone from Themsis Sends Letters Home“ ist daher eine offenslichtliche Kritik am US-Gefängnissystem und den wenigen Rechten, die Sträflinge darin besitzen. Außerdem spricht Valentine am Ende das Thema „Whistleblowing“ an. Die Erzählung wirkt mit diesen drei Themen etwas überfrachtet. Und obwohl sie eine durchaus düstere Atmosphäre aufbauen kann, gelingt es nicht wirklich eine Verbindung mit den Vorgängen aufzubauen.

Positiv sticht lediglich Maries Charakter hervor. Obwohl es für sie gesundheitliche Risiken mit sich bringt, möchte sie nach Themsis zurückkehren. Sie hat in diesem Setting erstmalig Anerkennung erfahren, auch wenn diese nur durch regelmäßige Briefe einer Mitarbeiterin des Computerunternehmens erzeugt wurde. Dieses naive, aber auch verzweifelte Ringen, bei dem sie ihren Leidensgenossen während ihrer Klage beinahe in den Rücken fällt, stellt die emotionalsten und interessanten Abschnitte dieser ansonsten trotz des aufwühlenden Themas irritierend distanzierten Kurzgeschichte dar.

Die Kurzgeschichte „Everyone from Themsis Sends Letters Home“ von Geneveve Valentine ist 2016 in der 121. Ausgabe des Magazins „Clarkesworld“ erschienen. Sie ist außerdem ein Beitrag in der Anthologie „The Best American Science Fiction and Fantasy 2017“, herausgegeben von Charles Yu und John Joseph Adam.

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