Teenagers from Outer Space (von Dale Bailey)

Nancy wächst im ländlichen Ohio der 50er-Jahre auf. Ihre einzige Freundin ist Joan. Eines Tages begibt sich Joan mit ihrem Freund Johnny in das Viertel der Außerirdischen. Kurz darauf geht Johnny einen Schritt zu weit, nach einem Ball versucht er Joan zu vergewaltigen. Die Szene wird von dem Außerirdischen Tham unterbrochen. Joan beginnt eine Beziehung mit ihm, was nicht nur von ihrem Vater abgelehnt wird. Auch Johnny sinnt auf Rache und löst dadurch dramatische Ereignisse aus.

Bailey gelingt es bereits auf wenigen Seiten, eine überzeugende Kleinstadtatmosphäre zu zeigen. Von Joans überreligiösem Vater bis zu den Lehrern sind alle Charaktere in wenigen Sätzen gut getroffen. Genau so gelungen ist Nancys Einsamkeit. Sie hat in Joan zwar eine sehr gute Freundin, doch darüber hinaus gelingt es ihr nicht, mit anderen Menschen eine wirkliche Verbindung einzugehen. Ihr Leben ist ganz auf Joan fixiert. Als diese beginnt, sich für andere (männliche) Menschen zu interessieren, beobachtet Nancy dies penibel. In der Kurzgeschichte reflektiert sie immer wieder auch über den Wahrheitsgehalt ihrer Beobachtungen, schränkt ihre Vorurteile ein und geht offen mit ihren Gefühlen um. Dieser Schreibstil ist sehr direkt und trägt die Geschichte.

Die Rolle der Außerirdischen ist faszinierend. Sie sind aus einem unbekannten Grund irgendwann auf der Erde angekommen. Sie haben sich in gewisser Weise in die Gesellschaft der Menschen integriert, schicken ihre Kinder sogar auf menschliche Schulen. Dennoch ecken sie mit ihren ungewöhnlichen Verhaltensweisen immer wieder an. Letztlich vermischen sich die beiden Gruppen kaum, sondern leben konfliktfrei nebeneinander her. Mit ihren eigenen Vierteln erinnert dies an die automatische Trennung zum Beispiel italienischer, irischer oder chinesischer Viertel in den USA und in gewisser Weise auch an unsere europäischen Einwanderungsgesellschaften, die noch keinen Weg gefunden haben, wie man diese von beiden Seiten verursachte Trennung behebt.

Die Erzählung selbst ist eine dramatische Coming of Age Geschichte. Joan sucht ihre „Partner“ hauptsächlich um gegen das harte Regiment ihres Vaters zu protestieren. Dabei gerät sie zunächst in einen Vergewaltigungsversuch und sucht Schutz bei Tham. Doch Johnny kann diese Schmach nicht ertragen. Nachdem sich Joan im Quartier der Außerirdischen mit Tham von den anderen Menschen abgesondert hat, nutzt Johnny Nancys Gefühle Joan gegenüber aus, um einen Rettungsversuch zu starten. Dabei versucht er – von Nancy nicht bemerkt – Tham umzubringen, schießt am Ende aber auf Joan. Die Außerirdischen verlassen die Erde angesichts der Gewalt, die sie erlebt haben. Die Menschheit liest dies jedoch als erfolgreiches Zurückdrängen einer geplanten Invasion.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht dadurch neben Nancys Gefühlen die Scham. Joans Vater kann die öffentliche Scham, die er in dem Verhalten seiner Tochter sieht, nicht ertragen. Johnny kann es nicht ertragen, dass er bei einem Vergewaltigungsversuch – den er natürlich völlig anders interpretiert – erwischt wurde. Und die Menschheit kann nicht ertragen, dass sie ihrem Ideal an Gastfreundschaft nicht gerecht geworden ist. Die Kurzgeschichte lädt dazu ein, zu hinterfragen, wie sehr man sich eigentlich die Realität zurecht biegt, um mit unangenehmen Erlebnissen und Fehltritten leben zu können. Diese Einladung zur kritischen Reflexion des eigenen Handelns sowie der Umwelt ist vor allem durch eine grandiose Erzählstimme sehr überzeugend.

Die Kurzgeschichte „Teenagers from Outer Space“ von dale Bailey ist 2016 in der 119. Ausgabe des Magazins „Clarkesworld“ erschienen. Sie ist außerdem ein Beitrag in der Anthologie „The Best American Science Fiction and Fantasy 2017“, herausgegeben von Charles Yu und John Joseph Adam.

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