Drastic Measures (von Dayton Ward)

Inhalt: Die Kolonie Tarsus IV ist die Heimat stolzer, freiheitsliebender Siedler. Der Frieden in der Kolonie wurde jüngst gestört: Aufgrund einer Naturkatastrophe musste eine größere Anzahl Siedler einer anderen Kolonie nach Tarsus IV umgesiedelt werden. Der Bevölkerungsanwuchs war groß, nicht alle Bewohner der Kolonie waren mit diesem humanitären Diktat zufrieden. Doch diese Probleme verblassen angesichts einer weiteren Katastrophe, die über Tarsus IV hereinbricht: Ein exotischer Pilz vernichtet alle Lebensmittlevorräte auf dem Planeten. Die knapp 8 000 Siedler am Rande des Förderationsraums sehen sich dem Hungertod ausgesetzt, denn die Hilfe der Sternenflotte wird vermutlich zu spät kommen.

In dieser Situation beobachtet der junge Lieutenant Commander Lorca wie das ehrgeizige Ratsmitglied Kodos gegen die Gouverneurin des Planeten putscht. Kodos verkauft sich als Macher und lädt die Hälfte der Bevölkerung von Tarsus IV zu einer Ansprache ein – die andere Hälfte soll später dieselbe Rede hören. Niemand ahnt, dass Kodos ein Massaker plant: Kaum sind die 4 000 Bewohner in einem Amphitheater zusammengekommen, lässt Kodos das Feuer auf sie eröffnen. Er erhofft sich auf diese Art, wenigstens die andere Hälfte der Bevölkerung mit den verbliebenen Lebensmitteln versorgen zu können.

Lorca verliert bei diesem Massaker seine Geliebte. Und als die Sternenflotte (u.a. vertreten durch Lieutenant Commander Georgiou) rechtzeitiger eintrifft als gedacht, ist Lorca wild entschlossen den „Henker“ Kodos zur Verantwortung zu ziehen. Georgiou macht sich bald Gedanken, ob Lorca in seinem Durst nach Rache noch rational denken kann.

Kritik: Die Ereignisse auf Tarsus IV sind aus der „Star Trek2“-Originalserie bekannt. Die grausame Exekution der Hälfte der Bevölkerung bietet dennoch eine spannende Kulisse für einen Roman. Die Bewohner der Kolonie stehen vor dem direkten Hungertod. Wie Kodos in dieser Situation die Macht ergreift, wie er die öffentliche Meinung hinter seinen wahnsinnigen Taten vereint und aus welchen Motiven er selbst handelt, sind äußerst spannende Themen. Leider greift der Roman keines davon auf.

Kodos Aufstieg wird nur im Nachhinein erzählt. Er taucht auf einmal auf, niemand kennt ihn und plötzlich ist er Gouverneur. Obwohl viele Szenen aus Kodos Perspektive erzählt werden, erfährt der Leser nie, was in seinem Lebensweg ihn zum Massenmörder gemacht hat. Genauso unklar ist, warum es in der Kolonie eine (äußerst) kleine Anzahl an Menschen gibt, die ihn bedingungslos unterstützen und gewillt sind, für ihn in den Tod zu gehen. Die Motivation der Mitläufer wäre genau so spannend wie die von Kodos. Denn anders als man vielleicht denken könnte, ist Kodos öffentliche Unterstützung selbst während des unsicheren Wartens auf die Sternenflotte äußerst gering. Am ärgerlichsten ist aber, dass Kodos Plan nie ganz klar ist. Wie hat er vor, mit seinem Verbrechen durchzukommen? Seine Pläne werden natürlich rasch, durch das überraschend schnelle Ankommen von Hilfe durch die Sternenflotte durcheinander gebracht. Trotzdem ist angesichts von Kodos wilder Flucht völlig unschlüssig, wie er denn vorher gedacht hat, seiner Bestrafung zu entfliehen.

Überzeugend ist Wards Verknüpfung einer Flüchtlingskrise mit den Ereignissen in der Stadt. Kodos Unterstützer sind sich alle einig, dass die Entscheidung, Flüchtlinge auf Tarsus IV anzusiedeln, übergriffig war. Einige machen gar die Flüchtlinge für den desaströsen Pilz verantwortlich. Dieses schnelle Kippen der Stimmung, in dem die Unterstützung eines Massenmordes wie die legitime Verteidigung der eigenen Lebensweise erscheint, ist leider eine erschreckend aktuelle Beschreibung der verbissenen Einstellung einiger Kulturpessimisten. So ist dann auch die fatalistische Resignation, in der sich Kodos suhlt und die ihn dazu verleitet, sich selbst als eine Art Opfer zu sehen, das seine Zukunftschancen für die „richtige“ Sache Opfern musste, die einzige Gefühlsregung, die Ward dem „Henker“ entlockt. Auch dieses Motiv der eigentlich unwilligen, von den Verhältnissen zu ihren Taten gezwungenen Opfer zirkuliert in rechten Diskursen unserer heutigen Gesellschaften.

Lorca lernt man in diesem Roman als einen jungen Offizier kennen, der darüber nachdenkt, sich auf einem Planeten niederzulassen anstatt weiter ins All zu streben. Das liegt in erster Linie an seiner Liebe zu einer Frau auf Tarsus IV. Leider ist ihr Tod enorm vorhersehbar, irgendetwas muss Lorca ja eine Motivation für seine Vendetta geben. Hier hätte man sich vielleicht einen subtileren Grund vorstellen können. Zumindest ein paar direkte Interaktionen zwischen Lorca und seiner Geliebten hätten den emotionalen Einschlag ihres Todes deutlich erhöht.

Georgiou ist hier bereits so angelegt wie man sie in der Serie kennenlernt. Sie lebt die Werte der Sternenflotte und ist dementsprechend prädestiniert, Lorca auf die Finger zu gucken. Sein Verhalten ist ihr von Beginn an suspekt. Das sorgt leider dafür, dass ihr Charakter etwas langweilig ist. Sie macht in diesem Roman keine Entwicklung durch, sondern ist stattdessen die Projektionsfläche für das Leid, das die Bevölkerung erlebt hat. Aus Georgious Augen erlebt der Leser die vielen Schicksale, die Kodos Massenhinrichtung geschaffen hat.

Immerhin: Die Jagd nach Kodos und die Nadeltaktiken, die der „Henker“ anwendet, sind relativ spannend. Interessant ist, dass Lorca hier bereits Merkmale zeigt, die man auch in der Serie beobachten konnte. Die traumatische Erfahrung auf Tarsus IV könnte durchaus einige Handlungen erklären – würde man nicht bereits wissen, dass der Serien-Lorca eigentlich aus dem Spiegeluniversum kommt. Daher ist es etwas schade, dass man diesen Lorca nicht von seiner Spiegelversion stärker abgesetzt hat: Natürlich entscheidet sich Lorca im Zweifelsfall in diesem Roman für die Prozeduren der Sternenflotte. Dennoch bereut er keinen tödlichen Treffer, den er verschiedenen Anhängern Kodos verpasst.

Fazit: Alles in allem ist „Drastic Measures“ durchaus gut zu lesen und streckenweise – vor allem in einer langen Höhlenverfolgungsjagd – angemessen spannend. Der Roman krankt jedoch daran, dass die Charaktere vorhersehbar sind und wenig Entwicklung aufzeigen. Außerdem wird die Motivation von Kodos nicht ausreichend ergründet. Das wirkt meistens oberflächlich. In „Drastic Measures“ wird man anständig unterhalten, so lange man nicht darüber nachdenkt, wie Kodos an die Macht kam und warum er tut, was er tut.

(Trekzone-)Bewertung: 3,5/5 Punkten

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