Persönliche Höhenflüge und galaktische Abstürze – die erste Staffel „Star Trek: Discovery“

Die erste Staffel „Star Trek: Discovery“ ist mit der Folge „Will You Take My Hand?“ jüngst zu Ende gegangen. Zur Erinnerung: Seit dem Ende von „Star Trek: Enterprise“ 2005 gab es keine „Star Trek“-Serie mehr im Fernsehen. Die Lücke wurde zwar durch drei Reboot-Kinofilme gestopft. Doch „Star Trek“ ist nun einmal auf dem kleinen Bildschirm groß geworden, auf dem die verschiedensten Protagonisten ohne zu viele folgenübergreifende Handlungsstränge an verschiedenen Einsätzen für die Föderation und den Frieden in der Galaxis gewachsen sind. „Discovery“ setzt diese Tradition fort.

Zeitlich setzt die Serie kurz vor der originalen „Star Trek“-Serie an. Zehn Jahre bevor Captain Kirk und die Enterprise auf ihre fünf Jahres Mission aufbrechen, erforscht die Discovery das „Star Trek“-Universum. Das neueste Schiff der Sternenflotte wird jedoch unter unguten Vorzeichen aus dem Schiffsdock entlassen. Kurz zuvor löst Commander Burnham von der U.S.S. Shenzhou einen Krieg mit den Klingonen aus. Sie wird ihres Ranges enthoben, jedoch von Captain Lorca auf der U.S.S. Discovery als Spezialist eingesetzt. Man kann darüber streiten, ob es notwendig war, noch einmal ein „Star Trek“-Prequel zu erschaffen. Das Setting ist zunächst einmal spannend, die Zeit vor Kirk ist relativ wenig erforscht und eine Auseinandersetzung mit den Klingonen verspricht Spannung. Gleichzeitig versprachen die Pilotfolgen, dass sich die Serie noch stärker als frühere Folgen mit der klingonischen Kultur auseinandersetzt. Denn hinter dem Konflikt steht der Versuch vereinzelter Klingonen, die zerstrittenen Häuser des Imperiums wieder zusammenzubringen. Somit startete die Serie mit viel Potenzial.

Die Charaktere an Bord der Discovery überzeugten von Beginn an. Burnham ist überzeugend reserviert gespielt: Als Mädchen wurden ihre Eltern von Klingonen getötet. Sie wurde in der Folge von Sarek auf Vulkan erzogen und versucht ihre Emotionen so weit es geht zu unterdrücken. Dennoch leidet sie stark darunter, dass ihre Aktionen im Pilotfilm für den Tod ihres Captains und Mentors geführt haben. Ihr einstiger Untergebener und nun erster Offizier an Bord der Discovery, Saru, ist der eigentliche Star der Serie. Der Kelpian spürt, wenn Gefahr naht und ist dementsprechend schreckhaft. Im Laufe der ersten Staffel wächst er am Meisten und verkörpert am Ende die Werte, die man mit der Föderation und der Sternenflotte verbindet. Genau so überzeugend ist Kadett Tilly. Die zunächst schüchterne und schreckhafte Frau wächst wie Saru im Verlauf der Serie zu einer engagierten Offizierin heran. Der Ingenieur Stamets ist in seiner Penetranz zwar zunächst nervig, wächst den Zuschauern im Verlauf der Serie jedoch ebenfalls ans Herz. Sein Partner, der Arzt Culber ist hingegen von Anfang an sympathisch und ein Ruhepunkt in der Crew. Die beiden haben in der Staffelmitte eine der stärksten Szenen der Serie: Stamets riskiert sein Leben, Culber ist strikt dagegen. Doch anstatt daraus eine lange Diskussion zu machen, sorgt Culber schlicht dafür, dass Stamets unter den Umständen die besten Überlebenschancen hat. Dies ist ein einfühlsamer und grandioser Moment.

Zwei Charaktere funktionieren hingegen nicht. Sie sind nicht erstellt worden, um mit Leben gefüllt zu werden. Sie existieren, weil sie in der Handlung eine „Funktion“ erfüllen. Das ist zunächst einmal der Sicherheitsoffizier Ash Tyler. Er wird von Captain Lorca aus einem klingonischen Gefängnis gerettet. Von Anfang an ist es mehr als offensichtlich, dass Tyler ein Spion der Klingonen ist. Diese Erkenntnis wird jedoch ewig lange hinausgezögert und zudem äußerst langsam aufgelöst. Dies ist der erste offensichtliche Handlungsfehler, den die Autoren der Serie begehen. Denn anstatt eine lebendige Geschichte zu erzählen, ist dies der erste – aber leider nicht der letzte – Schritt, bei dem die Autoren lediglich Handlungsblöcke herumschieben, anstatt tatsächliche Geschichten zu erzählen. Tylers Handlungsstrang ist zu lang und zu vorhersehbar, als dass er überzeugen könnte.

Dasselbe gilt leider für Captain Lorca. Schon früh entstand aufgrund seines gewalttätigen Stils das Gerücht, er müsse aus dem Spiegeluniversum stammen. Nachdem er die Discovery in besagtes Spiegeluniversum geleitet hat, sprach nur noch wenig gegen dieses Gerücht. Dennoch zögerte man diese Enthüllung quälend lange hinaus. Als es dann endlich so weit, hat dieser Handlungsschritt weder Überraschung noch Spannung ausgelöst. Das Problem mit Tyler und Lorca ist, dass die beiden Charaktere in keiner Weise neben ihrer „Funktion“ als Spion der Klingonen bzw. Akteur des Spiegeluniversums weiter entwickelt wurden. Hier hätte man viel mehr draus machen können. Zurück bleiben lediglich Schablonen potenziell unterhaltsamer Charaktere.

Die Handlung hingegen kann in der ersten Staffelhälfte überzeugen. Die Discovery übernimmt mit einem neuen Antrieb eine Schlüsselfunktion im Krieg gegen die Klingonen. Man kann über den Sporenantrieb sicherlich geteilter Meinung sein. Die Art wie Discovery diese neue Fortbewegungsform erforscht, ist jedoch sehr überzeugend. Burnham kann in der Auseinandersetzung mit dem Lebewesen, dass den Antrieb bedient, das erste Mal richtig überzeugen. Nach der Erkundung der Sporenmöglichkeiten, folgten eine Reihe weiterer überzeugender Episoden. Vor dem Hintergrund des Krieges gegen die Klingonen erkundet die Serie Burnhams Verhältnis zu ihrem Ziehvater Sarek, lässt Harry Mudd die Discovery übernehmen und Saru begeistert mit friedlichen Wesen inmitten des Krieges kommunizieren. „Discovery“ schien in den ersten neun Folgen immer besser zu werden. Das ließ die Zuschauer vergessen, wie ärgerlich offensichtlich Tylers Spionagetätigkeit war.

Die Serie hat ihren stärksten und beinahe schwächsten Moment im Zwischenfinale zur Halbzeit der ersten Staffel. Nach einer grandiosen Auseinandersetzung mit den Klingonen, die nicht nur Action, sondern vor allem auch Tempo und eine clever konstruierte Handlung aufwies, folgte eine ungewöhnlich lange Vorarbeit für einen Cliffhanger. Lorca steuert die Discovery in das Spiegeluniversum und Tyler entpuppt sich als Spion. Theoretisch hätte man aus diesen Aspekten noch gute Folgen machen können. Doch in der zweiten Hälfte der Staffel ging der Serie die Puste aus. Das war nicht sofort offensichtlich: die erste Episode im Spiegeluniversum sorgte mit dem Ortswechsel und der überzeugenden Inszenierung dieses umgekehrten Universums für viel Staunen. Leider versäumten die Autoren, einen Handlungskern im Spiegeluniversum zu identifizieren. Stattdessen verlief man sich in endlosen Actionszenen, in der ein Mord auf den anderen folgte. Kein Discovery-Charakter hat im Spiegeluniversum eine wirkliche Herausforderung gehabt oder musste gar über sich selbst herauswachsen. Selbst die Begegnung zwischen Burnham und der Spiegel-Version ihrer einstigen Captain und Mentorin geriet blutleer. Am Ende zieht sich die Handlung nur noch in die Länge und diente einzig und allein dazu, Captain Lorca los zu werden. Dieser Ausflug, der immerhin vier Episoden verschluckte, hätte in der Hälfte der Zeit abgehandelt werden müssen.

Die abschließende Doppelfolge erkundet weder die Charaktere weiter noch setzt sie zu einer Erklärung der klingonischen Verhältnisse an. Stattdessen vermittelt sie starke Unklarheit darüber, was von der Föderation überhaupt noch übrig ist. Zunächst schienen die Verwüstungen enorm schwer zu sein, am Ende ist jedoch alles in kürzester Zeit wiederhergestellt. Und immerhin: Zu Kirks Zeit wird über den gerade erst zehn Jahre vergangenen Krieg nicht mehr gesprochen. Dennoch fühlte sich die Sternenflotte so an die Wand gedrängt, dass sie die Vernichtung Qo’noS beschließt. Natürlich verhindert die Discovery Crew dies. Dennoch ist dieser Handlungsstrang ärgerlich und lächerlich. Kleine Beispiele: Im Verlauf wird Qo’noS im Stile Mos Eisleys inszeniert und die Discovery landet in einer der unterirdischen Höhlen des Planeten (!). Das Finale endet in einer kitschig, schmalzigen Auflösung: Burnham sieht sich mit den Gefühlen aus der Pilotfolge konfrontiert, wächst an sich selbst und darf am Ende eine Rede halten (die relativ unangebracht erscheint). Inhaltlich kann das nicht überzeugen.

Am Ende des Finales trifft die Discovery auf die Enterprise unter Captain Pike. Das soll bei den Zuschauern Vorfreude auf die zweite Staffel wecken. Das geht gründlich schief. Denn Discovery war in der ersten Hälfte stark, wenn es überzeugende Geschichten erzählte. Ab der Hälfte gehen den Autoren diese Geschichten aus und sie bewegen nur noch Spielsteine: Lorca, Tyler, Burnhams Gefühle sind dann keine Elemente einer Geschichte mehr, sondern Puzzlestücke für eine Staffelhandlung. Das kann funktionieren, tut es hier aber nicht. Alles ist offensichtlich konstruiert, der Handlungsbogen wird immer dann abgewürgt wenn er spannend wird (Klingonen) und ausgebaut wenn er nichts zu bieten hat (Spiegeluniversum). Das ist schade, denn in der Serie steckt enorm viel Potenzial. Die Enterprise am Ende der finalen Episode steht genau für dieses Symptom: Sie bietet keinerlei inhaltlichen Beitrag zu der Serie, sie erfüllt lediglich eine Funktion für den übergreifenden Handlungsbogen.

„Discovery“ wird dank seiner sympathischen und überzeugenden Charaktere zu einer genialen „Star Trek“-Serie, wenn die Autoren sich in der zweiten Staffel darauf besinnen, in jeder Folge eine Geschichte erzählen. Dies kann in Form der sehr starken Einzelepisoden wie in der ersten Hälfte dieser Staffel geschehen. Oder es kann in der Form eines die Staffel durchalufenden Handlungsbogen geschehen. Es darf aber nicht noch einmal in der seelenlos, funktionsorientierten und vor allem inhaltslosen Form, die in der zweiten Hälfte geboten wurde, geschehen. Kurzum: Die erste Staffel „Discovery“ konnte nur zur Hälfte überzeugen, sie schwankte zwischen inhaltlich überzeugenden und inhaltlich völlig entleerten Episoden. Es bleibt zu hoffen, dass die zweite Staffel mehr auf Inhalte denn auf schlecht konstruierte persönliche Dramen und Intrigen setzt.

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