QualityLand (von Marc-Uwe Kling)

In der Zukunft ist QualityLand das Symbol für das modernste Leben auf der Erde. Alle Menschen sind vernetzt. Online-Märkte warten nicht mehr darauf, bis Produkte bestellt werden, dank ihrer Algorithmen wissen sie bereits, was Konsumenten wünschen. Die Liebe ist bis ins Detail geregelt, Paare beenden ihre Beziehungen mittlerweile, wenn Online-Portale ihnen andere Partner mit höherem „Fit“ anbieten. Außerdem kämpft jeder Mensch darum, sein Level zu verbessern. Denn natürlich hängt die gesellschaftliche Stellung zu einem Großteil davon ab, welches Level man erreicht hat. Unter Level 10 ist man ein Niemand. Und zuletzt trägt jeder Mensch als Nachnamen die Berufsbezeichnung der Eltern. In diesem futuristischen Irrsinn versucht Peter Arbeitsloser so weit wie möglich ein ganz normales Leben zu führen.

„QualityLand“ warnt wie der erfolgreiche Roman „The Circle“ vor den Gefahren einer immer vernetzteren Gesellschaft. Während „The Circle“ eine düstere Beschreibung des Aufstiegs eines allumfassenden, alles kontrollierenden Internetunternehmens ist, geht „QualityLand“ noch ein Stück weiter. Hier hat sich ein ganzes Land einer Corporate Identity unterworfen. Während politische Parteien allenfalls noch ein Theater aufführen, liegt die wahre Macht bei einigen wenigen riesigen Konzernen, die Internetprodukte anbieten und dabei eine enorme Menge an Daten über die Bevölkerung generieren. Die Produkte bestimmen alle Aspekte des menschlichen Lebens von Konsumgewohnheiten bis hin zur Partnerwahl.

In „QualityLand“ begegnet der Leser nichts, was unvorstellbar ist. Pfiffige Partnerportale, engagierte Roboter und Kapitalisten, die sich den Regeln, die ihre Konzerne der Gesellschaft diktieren entziehen, erscheinen in diesem Zukunftsszenario durchaus plausibel. Da der Roman jedoch einen satirischen Anspruch hat, werden in erster Linie die eindimensionalen Charaktere übertrieben und für lustige Szenen genutzt. Der Plot selbst arbeitet dementsprechend nicht auf den Umsturz des Systems hin oder auf das Schaffen einer kleinen Hoffnung auf eine „menschlichere“ Gesellschaft. Stattdessen möchte „QualityLand“ aufzeigen, was mit dem Internet und unserer Gesellschaft alles bereits schief geht und was noch schief gehen kann. In dieser Hinsicht versucht sich der Roman eher an einem pädagogisch unterhaltsamen als an einem spannenden Abenteuer.

Zwei Plots bestimmen den Roman. Auf der einen Seite schickt die Fortschrittspartei einen Androiden in den anstehenden Präsidentschaftswahlkampf. Auf der einen Seite wirft dies Fragen auf, wer in der Gesellschaft kontrolliert: Menschen oder Maschinen. Auf der anderen Seite stellt sich der Android rasch als überraschend gesellschaftskritisches Wesen heraus. Er benennt Missstände und legt sich dadurch mit den Finanziers der eigenen Partei an. Der Leser erfährt den Wahlkampf aus der Perspektive der Wahlkampfmanagerin, die an ihrem klugen und umsichtigen Kandidaten verzweifelt. Denn natürlich sieht es so aus als habe er gegen seinen populistischen Herausforderer, der Ausländer und Roboter für alle negativen Aspekte des Lebens der QualityLand Bürger verantwortlich macht, keine Chance. Obwohl dies der kleinere Handlungsstrang ist, erfährt man hier mehr über die gesamtgesellschaftlichen Zusammenhänge in QualityLand. Obwohl die Androiden-Handlung selten wirklich witzig ist, überzeugt sie doch mit einem angenehm offenen Ende. Widerstand in QualityLand ist quasi unmöglich und auch eine Art sanfter Wandel an der Spitze scheitert rasch an Verflechtungen zwischen verschiedenen, eigentlich inkompatiblen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Interessensgruppen.

Die Haupthandlung dreht sich um Peter Arbeitsloser, der der Sympathieträger des Romans ist. Er denkt wie ein Mensch aus unserer Zeit. Immer kurz davor, ein Nutzloser zu werden, also unter Level 10 zu rutschen, schlägt sich Peter mehr schlecht als recht durch sein Leben. Er steht all den Internetdiensten, die seine Mitbürger mit Begeisterung nutzen, skeptisch gegenüber. Im Laufe des Romans begibt er sich auf eine Kohlhaas-gleiche Vendetta in deren Verlauf er es mit dem Triumvirat der Internetdienste anlegt. Das ist deutlich unterhaltsamer als die Wahlkampfstory, da Peter sich auf ein Team an Robotern stützen kann, die er vor dem Verschrotten bewahrt hat. Hier kommt es nicht nur zu vielen skurrilen Szenen, sondern auch zu ungeplanten Emotionen – in QualityLand eine Seltenheit.

Alles in allem ist „QualityLand“ weder eine brüllend komische Satire noch eine düstere Dystopie. Stattdessen erlaubt der Roman einen recht unterhaltsamen und teilweise pädagogischen Ausflug in verschiedene Aspekte einer Welt, in der Menschen aufgehört haben mitzudenken. Durch einen Mangel an Engagement und gesellschaftlicher Teilhabemöglichkeiten entsteht eine Gesellschaft passiver, selbstzentrierter Menschen, die sich glücklich ausbeuten lassen. Zurück bleibt Klings Plädoyer, dass das Denken über unsere Gesellschaft und unsere Lebeweisen weder Algorithmen noch Rassisten überlassen werden darf. Vor beidem können uns nur engagierte Bürger schützen.

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