Die Kriecher (von Philip K. Dick)

Ernest Gretry wird in einem Dorf in Tennessee eingesetzt. In der Nähe ist das Experiment einer Forschungsanlage schiefgegangen. In der Folge sind viele Babys in der Region mit Missbildungen geboren worden. Sie sind nicht in der Lage, menschliche Sprachen zu erlernen und haben anstatt Beinen wurmähnliche Extremitäten. Da sie nur Kriechen können, werden sie rasch als „Kriecher“ bezeichnet. Gretry sammelt alle Kriecher ein und siedelt sie auf eine Insel um. Hier vermehren sich die Kriecher unbemerkt und beginnen Tunnel in Richtung Festland zu graben. Allerdings plagt sie eine Sorge: Einige ihrer Nachfahren haben einen „Rückfall“ erlitten – sie wurden wieder mit Beinen geboren.

Gretry findet in der ländlichen Region in Tennessee resignierte Menschen. Man würde erwarten, dass der Zorn gegenüber einem Regierungsprojekt überwiegt. Aber alle nehmen die Mutationen ihrer Kinder mit einer überraschenden Gelassenheit hin, allenfalls denken sie darüber nach, das Kind gleich nach der Geburt zu erwürgen. Diese Emotionslosigkeit gibt der Kurzgeschichte einen gruseligen Unterton.

Sie passt aber zu dem Kernthema der Erzählung. Die Idee einer Art „Technikfolgenabschätzung“ gab es zu dieser Zeit kaum. Experimente wurden erst einmal übernommen, die Konsequenzen später betrachtet. „Die Kriecher“ ist eine eindringliche Warnung vor den möglichen Folgen unkontrollierter Experimente.

Gleichzeitig die Geschichte aber auch die Frage, was man aus solch einer Situation machen kann. Mit den Kriechern kann kein „Verständnis“ erzielt werden. Das einzige, was sie mit den Menschen im Dorf teilen, ist ihre Emotionslosigkeit. Abgesehen davon macht ihnen das Bauen von Tunneln die größte Freude, wodurch sie sich ständig ausbreiten. Für die Menschen stellt sich daher die Frage, ob man sich hier eine Gefahr für die eigene Zukunft geschaffen hat. Dick geht nicht direkt auf die Frage ein, ob die „Kriecher“ aber nicht ebenfalls Rechte haben. Dennoch schwingt dieser Gedanke immer mit. Denn anstatt wie Tiere behandelt zu werden, erkennt man an, dass sie eine Art eigene Gesellschaft bilden, für die ihnen eine Insel zur Verfügung gestellt wird. Nach der nur bedingt spannenden Kurzgeschichte bleibt vor allem die Frage zurück, wie die Situation heute wohl gelöst würde: Würden wir ebenfalls den Weg der Isolation beschreiten oder versuchen, die „Kriecher“ trotz aller Risiken zu integrieren?

„Die Kriecher“ (orig. „The Crawlers / Foundling Home“), geschrieben 1953, veröffentlicht 1954 im „Imagination“-Magazin ist auf Deutsch unter anderem im Band „Das Vater-Ding“ der Dick-Sammlung „Sämtliche 118 SF-Geschichten in fünf Bänden“ des Haffmans Verlag bei Zweitausendeins erschienen.

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