Patience Lake (von Matthew Claxton)

Casey ist ein Cyborg und ein Veteran der Armee. Ausgemustert, lebt er von seinen sozialstaatlichen Unterstützungszahlungen. Doch die Welt um ihn herum ist rau. Der Regierung gelingt es längst nicht mehr, das Gewaltmonopol aufrecht zu erhalten. Und so zieht Casey von Sozialamt zu Sozialamt, immer in der Hoffnung unterwegs Ersatzteile für seinen reparaturbedürftigen Körper zu finden. Kurz vor seiner nächsten Zahlung, gibt sein Bein auf, er benötigt unbedingt Hilfe. Diese findet er auf der Farm von Sandra. Im Austausch für Aushilfstätigkeiten, ermöglicht sie ihm die Reparatur seines Beins. Sandra steht jedoch unter Druck: Der korrupte Sicherheitsbeamte des Bezirks, Terry, erpresst sie um Geld, sie steht kurz davor, ihre Farm zu verlieren. Aus Verzweiflung verrät ihr Enkel Sean, Casey – und bald darauf macht Terry Jagd auf ihn, um die technischen Geräte in seinem Körper verkaufen zu können.

Die Welt in „Patience Lake“ ist rau. Die öffentliche Sicherheit ist zusammengebrochen. Und obwohl es offiziell, Beamte für jede Region gibt, arbeiten sie in der Regel in die eigene Tasche und erlassen unzählige Extrazahlungen. Die Menschen leiden doppelt unter der schlechten wirtschaftlichen Lage und den korrupten Sicherheitsbeamten, die ihnen zusetzen. In dieser Situation haben es erwerbslose Veteranen besonders schwer. Denn sie besitzen zwar nicht viel, lassen sich aber monatlich um ihre bescheidene Rente erpressen und – im Falle von Casey – falls sie Cyborgs Sinn im schlimmsten Fall ausschlachten.

Der Leser fiebert rasch mit Casey mit. Das liegt an der nahen Begleitung des Cyborgs. Von Beginn an erlebt der Leser die Ereignisse und vor allem Caseys technischen Verfall aus den Augen des Cyborgs. Das erzeugt überraschend schnell Verbundenheit mit dem Cyborg, der ständig mit neuen Ausfällen zu kämpfen hat. Aus seiner Perspektive versteht man außerdem Sandras Lage ausgesprochen schnell. Die Härte, die das Leben in dieser post-Regierungswelt mit sich bringt, ist ihr stark anzumerken.

Denn Sandra ist ein herzensguter Mensch, bereits Casey zu helfen wo es nur geht. Allerdings kann auch sie es sich nicht leisten, Emotionen oder gar Verbundenheit auszudrücken. Obwohl sich die beiden umgehend sympathisch sind, wissen sie beide, dass die unsichere Lage es nicht zulässt, die Farm schlicht gemeinschaftlich zu bewirtschaften. Das wird durch Sean bestens inszeniert: Sandras Enkel verrät Casey. Und ab diesem Moment wird „Patience Lake“ nicht nur spannend, sondern auch noch ein Stück überzeugender. Casey unterstützt Sandra ab hier nämlich trotz alledem in ihrem Kampf gegen Terry. Der Cyborg erkennt richtig, dass auch Terry nur ein Opfer der Verhältnisse ist: Im Glauben, sein Prestige zu erhöhen, verwandelte er sich ebenfalls in einen Cyborg und ist nun mit hohen Materialkosten konfrontiert, die er aufbringen muss, um weiterhin zu funktionieren. In einem dramatischen Gefecht besiegt Casey Terry. Doch auch dies reicht nicht, um das Eis zu brechen. Zunächst erscheint es verwunderlich, dass Casey nun nicht bei Sandra auf der Farm als technischer Mitarbeiter beginnt. Bald wird klar, wieso die nicht möglich ist: Terrys Kollegen nehmen brutal Rache für Caseys Taten, durch seine Abfahrt schützt er Sandra und ihren Enkel.

Letztlich schwebt Casey immer zwischen einer passiv-reaktiven Einstellung und dem Drang danach, etwas sinnvolles und gutes mit seinem Leben zu machen. Dieser allgegenwärtige Widerspruch erlaubt es dem Leser, sich mit seinem Charakter identifizieren. Die beschriebene Welt, in denen es soziale und polizeiliche Einrichtungen noch gibt, sie jedoch in erster Linie Fassaden sind, erscheint wie eine erschreckende Version der unsrigen: So könnten unsere westlichen Gesellschaften aussehen, wenn die Institutionen des gesellschaftlichen Zusammenhalts verfallen. Diese Kombination in Verbindung mit einer einem Western würdigen finalen Konfrontation machen „Patience Lake“ zu einer emotionalen, ungemein spannenden und dennoch nachdenklichen Erzählung.

Die Kurzgeschichte „Patience Lake“ von Matthew Claxton ist 2016 im „Asimov’s Science Fiction„-Magazine 08/2016 erschienen. Sie ist außerdem ein Beitrag in der Anthologie „The Year’s Best Science Fiction (34. Annual Collection)“, herausgegeben von Gardener Dozois.

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