1Q84 – Band 1 (von Haruki Murakami)

Japan, 1984: Auf dem Weg zu ihrem Job hat Aomame ein verrücktes Erlebnis. Um rechtzeitig an ihren Arbeitsplatz zu kommen, muss sie von einem gesicherten Highway durch einen Wartungsschacht einem Stau entfliehen. Kurz darauf stellt sich für den Leser heraus, dass Aomame damit beschäftigt ist, Männer zu töten, die ihre Frauen missbrauchen. Als sie sich nach ihrem jüngsten Auftrag in einer Bar erholt, macht sie ausgerechnet die Bekanntschaft mit einer Polizistin. Irritierenderweise versteht Aomame, die sonst große Probleme damit hat, Menschen an sich heran zu lassen, sehr gut mit dieser Polizistin. Derweil arbeitet Tengo daran, neben seinen Mathematikvorlesungen eine Karriere als Schriftsteller aufzubauen. Noch hat er den Durchbruch nicht geschafft. Doch der bekannte Verleger Komatsu hat sich seiner angenommen. Neben Gelegenheitsaufträgen überrascht er Tengo mit einer ungewöhnlichen Idee. Tengo soll das vielversprechende Manuskript der jungen Schriftstellerin Fuka-Eri komplett umschreiben, damit diese einen prestigeträchtigen Preis gewinnen kann. Nach einer eindringlichen Begegnung mit der Frau willigt Tengo ein und wird kurz darauf in das Rätsel ihrer Herkunft verstrickt. Dies führt ihn zu der Sagigake Sekte, mit der auch Aomame in Kontakt kommt. Die Wege der beiden Protagonisten könnte sich kreuzen – wobei jedoch nicht geklärt ist, ob beide in derselben Realität leben. Denn Aomame glaubt, durch ihren Weg durch den Wartungsschacht in eine andere Realität, im Jahre 1Q84, geraten zu sein.

Der erste Band der „1Q84“-Trilogie baut seine beiden Protagonisten sehr langsam, in gemächlichen, einander abwechselnden Kapiteln auf. Sowohl Aomame als auch Tengo sind verloren in den Traumata ihrer fanatischen Familien und vor allem ihres Berufes. Aomame verarbeitet den frühen Verstoß durch ihre ultrareligiöse Familie sowie den Hass und ihre Trauer über den Selbstmord einer von ihrem Gatten missbrauchten Schulfreundin, in dem sie gewalttätige Männer auf die „andere Seite befördert“. Tengo wiederum hat ein Talent für die Mathematik. Doch die Literatur ist das Einzige, das ihm etwas „Mehr“ bietet. Er wuchs allein bei seinem Vater auf, für den sein Beruf immer wichtiger war als sein Sohn. Murakami führt die Hintergründe beider Charaktere sanft ein, dass es sich wie ein langsamer Kennenlernprozess anfühlt.

„1Q84“ hält für beide seiner Hauptdarsteller Herausforderungen bereit. Tengo wird zu einem Gostwriter für die 17-jährige Fuka-Eri. Er ist in erster Linie fasziniert von dem Potenzial ihrer Geschichte. Im Laufe des Romans beginnt jedoch auch die junge Frau und vor allem ihre Geschichte ihn immer mehr zu faszinieren. Dabei entdeckt Tengo Erinnerungen an eine Szene mit seiner Mutter – die er nie richtig kennengelernt hat – mit einem Mann, der nicht sein Vater ist. Aomame hingegen hat keine Erinnerungen, die schwer mit der Realität zu verbinden sind. Stattdessen bemerkt sie Veränderungen in ihrer Welt, die eigentlich nicht passieren dürften. Polizisten sind auf einmal stärker bewaffnet, angeblich bereits seit mehreren Jahren, ohne dass Aomame davon erfahren hat. Zuletzt erscheint sogar ein zweiter Mond in ihrer Realität. Beide Charaktere kommen, durch Fuka-Eris Herkunft aus der Sekte sowie durch die Begegnung mit einem vergewaltigten Mädchen in Aomames Fall, mit der Sagigake-Sekte in Berührung. Sowohl die persönlichen Herausforderungen als auch die offenen Fragen bezüglich der einflussreichen und reichen Sekte werden in diesem ersten Band erwartungsgemäß nicht gemeistert. Stattdessen sorgen beide Prozesse dafür, dass der Leser noch weiter in die Melancholie und die Verlorenheit der beiden Protagonisten hineinkatapultiert wird.

Band 1 schafft somit kontinuierlich weitere Fragen, während er den Leser immer weiter in den Sog dieser Erzählung über mysteriöse Ereignisse und fanatische japanische Sekten zieht. Das nimmt den Leser mit in ein faszinierendes Jahr 1984 oder – wie Aomame ihre Parallewelt betitelt – 1Q84. Am Ende stehen zwei verwirrte Personen, die man als Leser aufgrund ihrer traumatischen Erfahrungen (und in Aomames Fall Taten) nicht verstehen kann, doch mit denen man sich aufgrund dieses ruhigen und detailreichen Beginns verbunden fühlt. Das hinterlässt nicht nur einen besonderen Eindruck, sondern schafft Vorfreude auf den folgenden zweiten Band.

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