The Duniazát (von Salman Rushdie)

Am Hofe des Kalifen Abu Yusuf Yaqub kommt es zu einer Machtverschiebung, in dessen Folge sich der Philiosoph Ibn Rushd ins Exil begeben muss. Dort wird er von einer Jinnia ausgesucht, mit der er in der Folge zusammenlebt. Während das Paar viele Kinder gebärt, gerät Rushd in eine Sinnkrise. Mit seinem Exil scheint seine Version von Logik gegenüber der religiösen Interpretation des 100 Jahre vor ihm arbeitenden Ghazali of Tus gewonnen zu haben.

„The Duniazát“ liest sich in erster Linie wie eine Exilgeschichte. Auf der einen Seite ist das Leben des verbannten Philosohpen gar nicht übel. In der Jinnia findet er eine aufmerksame Liebhaberin. Sie versorgt ihn nicht nur mit einer Familie und (zu viel) sexueller Befriedigung, sondern ermöglicht es Rushd regelmäßig über seine Philosophie zu sprechen. Insofern ist er auch im Exil nicht von seinem Lebenswerk abgeschnitten. Allein die Öffentlichkeit fehlt ihm und insofern kommt er nicht zur Ruhe. Angesichts seiner wachsenden Kinderschar plagen ihn Geldsorgen. Doch in Wirklichkeit plagt ihn in erster Linie, dass die Wahrheit, die er meint entdeckt zu haben, von der Welt ignoriert wird. Dieser Widerspruch, der hier in melancholisch sentimentaler Form präsentiert wird, gibt der Kurzgeschichte einen ergreifenden Ton.

Auf der anderen Seite enthält „The Duniazát“ aber auch fantastische Elemente rund um die Partnerin des Philosophen. Sie sucht bewusst den Kontakt mit einem Menschen, um ihren Erfahrungsschatz zu erweitern. Irritierenderweise interessieren und unterstützen ausgerechnet diese Fantasiewesen den Philosophen, der für eine wissenschaftlichere Weltsicht plädiert. Tatsächlich sind es gerade die Erkenntnisse des Philosophen, die der Jinnia genau so viel Befriedigung bereiten wie Geschlechtsverkehr. Am Ende schließt sich mit der Rückkehr des Philosophen in seine alte Welt (wo er nach gerade einmal einem Jahr stirbt) der Zugang zwischen der Welt der Jinni und der Menschen. Doch die Nachkommen des Philosophen sowie die Nachkommen Ghazalis setzen ihren Wettstreit unbewusst über viele weitere Generationen fort. Diese fantastische Seite der Kurzgeschichte spannt den Bogen bis zur heutigen Zeit, in der rationale und religiöse Denkweisen weiterhin miteinander (oft blutig) konkurrieren.

Beide Handlungen überzeugen durch den distanzierten Erzählstil, der gerade durch die Distanz eine melancholische Atmosphäre schafft, die sowohl die Kuriositäten des philosophischen Exils als auch die fantastischen Elemente der Erzählung sehr gut tragen. Durch den Bezug zur Gegenwart verdeutlicht diese Kurzgeschichte mithilfe fantastischer Elemente, dass im Islam – wie in allen großen Religionen – der Wettstreit zwischen unterschiedlichen Auslegungen und Einstellungen zur direkt erfahrbaren Welt eine lange Vorgeschichte haben, die bis heute nicht beendet ist und wohl auch so schnell nicht enden wird.

Die Kurzgeschichte „The Duniazát“ ist 2015 in dem Online-Magazin „Tor.com“ erschienen. Sie ist außerdem ein Beitrag in der Anthologie „The Best American Science Fiction and Fantasy 2016“, herausgegeben von Karen Joy Fowler und John Joseph Adam.

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