Das Vater-Ding (von Philip K. Dick)

Der achtjährige Charles ist verstört. Er hat als einziger erlebt, wie ein Replikant seinen Vater getötet und ersetzt hat. Seine Mutter glaubt dem Jungen nicht und bald muss er mit dem – ersetzten – Vater am Essenstisch sitzen. Verzweifelt ergreift Charles die Flucht. Mit zwei Freunden, Peretti und Daniels, ergreift er den Entschluss, dass die Replikanten getötet werden müssen, bevor sie sich ausbreiten.

Die Kurzgeschichte stellt den Leser vor die Frage, ob man Charles ernst nehmen kann. Ist sein Vater tatsächlich übernommen worden? Oder spielt sich dies nur in der Fantasie des Jungen ab? Es ist schließlich nicht ungewöhnlich, in bestimmten Momenten, nach gewissen Enttäuschungen, Abneigung gegenüber Elternteilen zu entwickeln. Daher ist man sich hier nie sicher, ob man mit Charles der Speerspitze des Kampfes gegen eine Invasion oder einem brutalen Vatermord beiwohnt. In der Kurzgeschichte deuten im Verlauf immer mehr Hinweise auf ersteres hin, die Mord-These wird am Ende eigentlich ausgeschlossen. Gleichzeitig ist die Kurzgeschichte aus Charles Sicht verfasst, die Zweifel bleiben also.

Auf einer zweiten Ebene spielt die Kurzgeschichte mit der noch immer diskutierten Angst, etwas Unbekanntes könnte uns übernehmen. Dabei zeigt die Geschichte, im Kontext der 50er-Jahre, auf, wie gesellschaftliche Strukturen diese Übernahme vereinfachen könnten. Der Replikant übernimmt den Vater, weil er die „natürliche“ Autoritätsperson innerhalb der Familie ist. Charles bleibt gar nichts anderes übrig als sich seinen Befehlen entweder zu beugen oder aber der Stärke des Vaters zu entfliehen. Den körperliche Züchtigung ist weit verbreitet, der Mutter bleibt nichts anderes übrig als den Vater anzuflehen, es mit den Schlägen nicht zu übertreiben. In dieser Situation ist es für den Vater ein Leichtes, auch den Austausch des jungen Charles vorzubreiten. Die daraus entstehende Hilflosigkeit, die nur durch vertraute Freunde aufgelöst werden kann, vertieft die paranoide Dimension der Kurzgeschichte.

Alles in allem gelingt es dem „Vater-Ding“ das angestrebte Unwohlsein zu vermitteln. In einer Situation, in der die gute und anerkannte Autorität sich gegen einen wendet, bleibt Charles und seinen Freunden nichts anderes als zur Gewalt zu greifen. Den Leser lässt dies auf zweifache Art unwohl zurück. Auf der einen Seite ist das Eindringen des Replikants erschreckend leicht auf der anderen Seite kann man den Eindruck des Vatermordes nicht entkommen. Und so steht die Frage im Raum, welchen Prozess man in dieser Situation wählen könnte, der das eigene Leben schützt und gleichzeitig Gewalt nicht nur mit weiterer Gewalt begegnet.

„Das Vater-Ding“ (orig. „The Father Thing“), geschrieben 1953, veröffentlicht 1954 im Magazin „Fantasy & Science Fiction“ ist auf Deutsch unter anderem im Band „Das Vater-Ding“ der Dick-Sammlung „Sämtliche 118 SF-Geschichten in fünf Bänden“ des Haffmans Verlag bei Zweitausendeins erschienen.

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