The Daydreamer by Proxy (von Dexter Palmer)

„The Daydreamer by Proxy“ ist ein genetisch erzeugter Organismus, den sich Mitarbeiter der Geneertech Corporation freiwillig einpflanzen lassen können. Der Organismus erhöht nicht nur die Loyalität zu der Firma dramatisch. Er absorbiert zudem alle ablenkenden Gedanken, die während der Arbeitszeit anfallen. Dadurch erhöht er das Leistungsvermögen jedes Angestellten, der den Organismus mit sich trägt, dramatisch. In der Kurzgeschichte findet der Leser daher die Werbung des Unternehmens für die Operation sowie ein FAQ der Geneertech Corporation und Nutzerfragen.

Die Kurzgeschichte ist eine Warnung vor den möglichen zukünftigen Ausartungen des Kapitalismus. Es liegt in der Natur jeder Firma, dass sie sich über die Effizienz ihrer Mitarbeiter Gedanken macht, um im Wettbewerb mit Konkurrenten zu bestehen. Daher gibt es in allen demokratischen Wohlfahrtsstaaten Regulierungen, die kapitalistische Logiken zum Schutze der Arbeitnehmer einschränken. Der „Daydreamer“ ist eine Erfindung, die scheinbar nicht reguliert ist, sondern vom Gesetzgeber toleriert wird. Er hat für die Firma Vorteile, da der Mitarbeiter effizienter und loyaler wird. Der Mitarbeiter wiederum kann sich auf eine höhere Chance auf eine Gehaltserhöhung freuen. Handelt es sich also um eine Win-Win Situation?

Natürlich nicht, sonst wäre der „Daydreamer“ allenfalls in einer utopischen Kurzgeschichtensammlung zu finden. Denn auf der einen Seite kann der Organismus langfristige Schäden auslösen. Der Körper muss nicht nur angepasst werden, das ständige Mitsichtragen eines Lebewesens hat zudem psychologische Folgen. Zumal der „Daydreamer“ ja viele Emotionen des Trägers absorbiert und über die Zeit verinnerlicht. Da er sogar Sprechen lernen kann, kommt es dabei zu skurrilen Situationen wie nächtliches Flirten mit der Gattin. All dies kann fatale Konsequenzen im Privatleben mit sich bringen, macht die Trennung zwischen Arbeit und Leben viel schwieriger und ist deutlich invasiver als zum Beispiel die ständige Erreichbarkeit über das Mobiltelefon, die heute beklagt wird.

Am interessantesten an den (bewusst) technisch gehaltenen, in der Kurzgeschichte präsentierten Dokumenten sind die subtilen Zwänge, sich für einen „Daydreamer“ zu entscheiden. Hier wird geradezu direkt mit dem erhöhten Risiko einer Kündigung gedroht, falls man sich nicht für die Operation entscheidet. Auch werden Zweifel von Medizinern und vor allem von Mitarbeitern auf geradezu herablassende Art heruntergespielt. Die Dokumente raten dazu, Debatten über Arbeitsformen nicht Experten zu überlassen. Angesichts einer aus heutiger Sicht geradezu unvorstellbaren, den Körper verändernden Prozedur, die Vorteile (mit der Ausnahme der von der Firma entschiedenen (!) Beförderung) ausschließlich für die Arbeitgeberseite bietet, regt Palmer dazu an, abseits der schrillen Debatten über den „Digitalen Kapitalismus“ genereller öffentlich darüber zu denken, was die Grenzen der Zumutbarkeit im Arbeitsleben sind und wie weit Unternehmen in ihrem (legitimen) Effizienzstreben gehen dürfen.

Die Kurzgeschichte „The Daydreamer by Proxy“ ist 2016 in der von Ann VanderMeer herausgegebenen Anthologie „The Bestiary erschienen. Sie ist außerdem ein Beitrag in der Anthologie „The Best American Science Fiction and Fantasy 2016“, herausgegeben von Karen Joy Fowler und John Joseph Adam.

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