The Three-Body Problem (von Cixin Liu)

dt. „Die drei Sonnen“

Während der Kulturrevolution verliert Ye Wenjie alles, was ihr wichtig ist: Ihr Vater wird von jugendlichen Eiferern öffentlich hingerichtet und sie verliert ihren Platz an der Universität. Über Umwege wird sie in ein geheimes Projekt der Regierung integriert, das inmitten des Kalten Krieges Informationen über extra-terristisches Leben sammelt. Zunächst nimmt sie als mutmaßliche Regimegegnerin dort nur eine geringe Rolle ein. Durch ihren Sachverstand gerät sie jedoch in immer zentralere Positionen bis sie eines Tages eine folgenschwere Entscheidung trifft. In der Gegenwart stößt der Wissenschaftler Wang Miao auf eine Reihe von Anomalien. Mal entdeckt er in seinem Blickfeld einen Countdown, dann wird er zu einem mysteriösen Onlinespiel eingeladen. Als kurz darauf die Regierung in der Form des chinesischen Geheimdienstes auf die Selbstmorde einiger Wissenschaftler hinweist, die dieselben Erfahrungen gemacht haben, beginnt für ihn eine Reihe abenteuerlicher Ereignisse.

„The Three-Body Problem“ ist sehr clever erzählt. In dem Roman wechseln sich immer wieder verschiedene Zeitebenen ab. Der Leser rätselt dadurch auf der einen Seite mit Wang mit, was es mit den merkwürdigen Störungen auf sich hat. Auf der anderen Seite erhält man einen dichten Einblick in die Auswirkungen der chinesischen Kulturrevolution auf eine kritisch denkende, junge Wissenschaftlerin. Von Anfang an liest sich das trotz der sich langsam entwickelnden Handlung sehr angenehm.

Das liegt zunächst einmal daran, dass der Kulturrevolution und ihren gesellschaftlichen Auswirkungen in der Form von Verwaltungsverhalten sehr viel Platz eingeräumt wird. Ye Wenjie gerät unter die Räder dieses umfassenden und katastrophalen Umgestaltung der Gesellschaft. Mehrfach wird ihr übel zugespielt und sie verliert alles, was ihr wichtig ist. Das ist nicht nur dramatisch, sondern auch für den Verlauf der Erzählung enorm wichtig. Denn mit jedem Ereignis verliert Ye ein Stück ihres Glaubens an die Menschheit.

Die Stärke der Gegenwartshandlung liegt in dem titelgebenden „Three-Body Problem“. Wang loggt sich – auch auf Aufforderung der Regierung – immer wieder in das merkwürdige Spiel gleichen Namens ein. Hier muss er eine Zivilisation durch verschiedene Zeiten führen und dabei nicht vorhersehbare Wetterschwankungen (durch drei Sonnen ausgelöst) in seine Strategie miteinbeziehen, die seine Zivilisation innerhalb kürzester Zeit vernichten können. Das Spiel wird weltweit von den fähigsten Physikern gespielt. Mit der Zeit verschwimmt für Wang die Grenze, ob das Problem der zunächst namenlosen Zivilisation Fiktion oder Realität ist. Dabei geht um ihn herum immer mehr schief: Sein Forschungsprojekt muss zunächst angehalten werden und die Ermittlungen für die Regierung bringen ebenfalls kaum Fortschritte.

Dabei steckt hinter dem Spiel die eigentliche Handlung des Romans: Weit entfernt von der Erde bereitet eine außerirdische Macht längst die Invasion der Erde vor. Ihr Planet wird aufgrund des unlösbaren Three-Body Problems nicht mehr lange überleben können. Daher sandten sie Nachrichten in die Galaxis aus, die ausgerechnet Ye in ihrer Resignation erreichten. Obwohl sie nach ihrer ersten Antwort von einem Vertreter der ‚Trisolarans‘, wie die Zivilisation im Planeten der drei Sonnen sich nennt, vor den imperialen Plänen seines Volkes gewarnt wurde, hielt sie den Kontakt aufrecht und verriet somit die Lage der Erde. Über die Jahre baute sie einen Geheimbund auf mit dem Ziel zumindest die Natur der Erde vor den Kalten Kriegern und Umweltzerstörern auf dem Planeten zu bewahren.

Natürlich ist das aber nicht wirklich im Sinne der Trisolarans. Stattdessen bereiten diese die Invasion der Erde und die Auslöschung der Menschheit vor. Was wie ein Plot aus den 50er-Jahren wirkt, ist hier wissenschaftlich solide untermauert, clever erzählt und gipfelt am Ende des Romans zudem in einer fatalen und durchaus innovativen Zwickmühle für die Menschheit. Das ist vor allem durch die vielschichtige Handlung und die durch das prominent platzierte Spiel gelungen vermittelte Motivation der Angreifer atmosphärisch sehr überzeugend.

Als erster Teil einer Trilogie verrät „The Three-Body Problem“ überraschend viel über die Hintergründe der Handlung. Der Roman endet jedoch damit, wie sich die Menschheit aus der durch Ye geschaffenen Zwickmühle entkommt, bleibt zunächst offen und motiviert zum Lesen des zweiten Teils. Zurück bleibt nicht nur die Kenntnis über eine faszinierende Welt, sondern auch die Erkenntnis, dass die Menschheit als Ganzes enorm verletzlich ist und was passieren könnte, wenn ein diskriminierter Underdog zur falschen Zeit an der richtigen Stelle sitzt.

Durch die Sensibilität für alle beteiligten Seiten (sowohl im Kalten Krieg (!) als auch in der Gegenwartshandlung) und das überzeugend aufgebaute Verständnis für die Außerirdischen ist „The Three-Body Problem“ nicht vielschichtig, thematisch tief und dennoch in der zweiten Hälfte durchaus actionreich. Einzig die Charaktere mit der Ausnahme von Ye bleiben hier etwas blass oder kommen deutlich zu kurz. Da es in den folgenden Romanen in diesem kosmischen Abenteuer aber vermutlich eher auf die (gelungene) Makrohandlung ankommt, ist das vermutlich einer der Abstriche, die Liu bei der Ausarbeitung der Trilogie machen musste.

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