Komarr (von Lois McMaster Bujold)

Miles ist auf seiner ersten richtigen Mission als Lord Auditor des barrayanischen Imperators Gregor. Auf Komarr, einem von Barrayar annektierten Planeten gab es einen Unfall, der das Terraforming des Planeten gefährdet. Da Gregor demnächst eine Komarrerin heiraten möchte und die permanenten Unabhängigkeitsbestrebungen auf dem Planeten immer wieder hochkommen können, ist die Mission äußerst heikel. Miles ist in der Wohnung von Ekaterin Vorsoissin, der Nichte seines Auditor Kollegen Vorsoissin, untergebracht. Ekaterin führt seit vielen Jahren eine unglückliche Ehe: Der Stolz ihres Gatten und seine Verwurzlung in antiquierten barrayanischen Traditionen bringen das Leben ihres Kindes in Gefahr. Miles ahnt zwar nichts von dem komplizierten Familienleben, in das er gerät; er ist sich aber des politischen Pulverfasses, in dem er ermitteln muss, bewusst.

Nach dem sehr gelungen „Viren des Vergessens“ (Memory) ist „Komarr“ die erste Mission Miles als einer der elitären Ermittler des Imperators. Der ungewohnte Handlungswechsel ist grandios. Das liegt zu einem Großteil an dem besetzten Komarr, dessen Bevölkerung hier sehr überzeugend dargestellt ist. Gleichzeitig überrascht die genau so ungewohnte Erzählperspektive: Im Wechsel erlebt man die Ereignisse hier aus Miles und aus Ekaterins Sicht. Beides ist sehr gelungen: Miles Unsicherheit und Ekaterins Leid sind glaubwürdig dargestellt und fesseln den Leser. Ekaterin bietet dadurch zudem eine gelungene Außenperspektive aus Miles, in der Vorurteile langsam einer gewissen Bewunderung angesichts seiner Taten weichen.

Die Handlung plätschert zunächst auf diese angenehme Weise vor sich hin. Die Wendung kommt als ein Glied der Verschwörung schwach wird und es durch einen Unfall zu einem indirekten Mord kommt. Von hier an verändert sich Ekaterins Leben und Miles Ermittlungen kommen deutlich voran. Stück für Stück stellt sich der politische Plan einer Gruppe Verschwörer heraus, mit einem Schlag Komarr Barrayars Kontrolle zu entziehen. Dieser Aufbau ist enorm gelungen. Der Leser bleibt lange im Unklaren, fiebert aber gleichzeitig mit Miles und Ekaterin mit. Die Ermittlungen bringen beide Akteure in Gefahr, sodass sich die Faszination über den geschickten Handlungsaufbau mit einem hohen Maß an Spannung mischt.

Dazwischen arbeitet noch eine weitere Handlungsebene: In jedem Kapitel entwickeln sich die Gefühle zwischen Miles und Ekaterin etwas weiter. Zunächst projizieren die beiden Hauptcharaktere hauptsächlich ihre Hoffnung in den jeweils anderen. Im Laufe der Erzählung wird diese Bindung von Bujold überzeugend ausgearbeitet. Der langsame Kennenlernprozess reist den Leser dabei genau so mit wie die Kriminalhandlung.

In der Auflösung gelingt es Bujold, Ekaterin einen  Hauptanteil an der Aufklärung zuzuschreiben. Ekaterin wächst dabei über sich hinaus und bricht mit ihrer Vergangenheit als in Traditionen verhangenen Vor-Dame. Ihr Weg in diesem Roman spiegelt damit ein wenig Miles Entwicklungsprozess wieder, um den es in der Serie hauptsächlich geht.

„Komarr“ ist damit auf vielen Ebenen ein sehr unterhaltsamer und überzeugender Roman: Er bringt uns einen Kernplaneten des Barrayar-Imperiums und dessen Bevölkerung näher, er erzählt einen sehr spannenden Kriminalfall und eine atmosphärisch dichte Entwicklungsgeschichte. Miles ist als Lord Auditor erstmals in offizieller Mission sehr erfolgreich und könnte am Ende des Romans in ruhigere persönliche Gewässer ziehen. „Komarr“ ist damit nicht nur ein spannender Roman, sondern nach sieben Romanen der würdige endgültige Bruch mit Miles halb-legalen Agentenvergangenheit und der Beginn seiner offiziellen Ermittlertätigkeit.

 

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