Gilmore Girls: Ein neues Jahr

Im vergangenen Spätherbst erschienen vier 90-minütige neue Folgen der einstigen Erfolgsserie „Gilmore Girls“ auf Netflix. Nach neun Jahren ohne neue Episoden, unterliegen diese vier Fernsehfilme einem enorm hohen Erwartungsdruck. Überraschenderweise gelingt es den Folgen die „alte“ Stimmung der Serie gut einzufangen. Man vergisst regelmäßig, dass bereits einige Jahre ins Land gezogen sind, denn die Charaktere wirken genau so wie in der letzten Staffel der Serie.

Inhaltlich überwiegen jedoch zunächst vier negative Aspekte. Als erstes sticht Rorys Charakter hervor. Sie trug die Serie mit ihrer ehrgeizigen, intelligenten und gleichzeitig bodenständigen Art. In „Ein neues Jahr“ hat sie die Orientierung verloren. Sie ist antriebslos, beruflich erfolglos, betrügt ihre Partner, agiert rücksichtslos und zuletzt auch unprofessionell. Das könnte die Grundlage für einen sehr interessanten Handlungsstrang legen – und man erwartet immer wieder, dass irgendetwas einschneidendes in Rorys Leben passiert, das einen Lebenswandel auslösen könnte. Doch bis zum Schluss wird dieses Thema ohne Veränderungen fortgeführt: Rory lehnt vielversprechende Angebote auf andere Karrieren ab, nimmt sich keine Zeit, ihre Lebensschritte zu überdenken, sondern fokussiert sich ganz darauf, ein Buch über die Beziehung zu ihrer Mutter zu schreiben. Dieses Medium in einem Medium ist natürlich arg Meta, ändert jedoch nichts an Rorys Situation. Die Botschaft ist vermutlich, dass man nur seinem Traum (Journalistin/Schriftstellerin zu werden) treu bleiben muss, um Erfolg zu haben. Dies ist aber bei weitem nicht garantiert. Außerdem ist völlig unklar, ob sich dadurch privates Glück einstellt. Ihren unerwarteten Hang zu ungesunden Beziehungen hinterfragt Rory nämlich bis zum Schluss nicht. Dies wird zudem mit einem äußerst unbefriedigenden Cliffhanger verbunden: Wenn unklar ist, ob die Serie fortgesetzt wird, warum würde man sie völlig offen enden lassen? Da war die vorherige, siebte Staffel deutlich weiter. Kurzum: Rorys Handlungsstrang ist ausgesprochen vielversprechend, da sie vor eine ungeahnte Herausforderung gestellt wird. Leider wird Rory dabei gänzlich außerhalb ihres bekannten Charakters dargestellt.

Auch die Erzählung rund um die zweite Hauptdarstellerin, Lorelai, kann nicht ganz überzeugen. Sie befindet sich wieder einmal in einer Auseinandersetzung mit ihrer Mutter. Der Grund ist diesmal ausgesprochen dünn: Nach der Beerdigung ihres Vaters konnte sie keine positive Erinnerung teilen, das Verhältnis ist gestört. Im Verlauf der Folgen verheimlicht sie ein Therapie, die sie unter anderem auf Initiative ihrer Mutter macht, vor Luke und bricht am Ende aus ihrem Leben aus, in dem sie eine Wanderung unternimmt. Vor allem der letzte Teil wirkt ausgesprochen aufgesetzt. Denn letztlich erkennt sie mit etwas Abstand, dass sie mit ihrem Leben eigentlich sehr zufrieden sein kann. Das hätte man auch vorher bereits feststellen können. Insgesamt ist die Ursache von Lorelais Unzufriedenheit nicht ganz klar. Es verändert sich im Verlauf der vier Episoden nichts und dennoch soll alles geklärt sein? Das ist nicht wirklich überzeugend.

Und das führt zu dem dritten Kritikpunkt: Den Episoden fehlt ein Handlungsbogen. Natürlich geht alles irgendwie voran, am Ende versöhnen sich Lorelai und Emily, Rory fühlt wieder den Boden unter den Füßen und auch andere Charaktere finden ihre Nische. Dabei verändert jedoch niemand wirklich seinen/ihren Lebensstil: Lorelai lebt weiter wie zuvor und auch Rory trennt sich nur ungern von ihren ungesunden Beziehungen. Angesichts der vielen interessanten angesprochenen Aspekte ist dies ausgesprochen unbefriedigend. Der einzige Charakter, der tatsächlich eine Entwicklung erfährt, ist Emily: Sie kämpft sich nach einer langen Periode der Verzweiflung zurück ins Leben. Das geschieht so schroff wie ihr Charakter angelegt ist und ist gerade deswegen ausgesprochen überzeugend. Für alle anderen Protagonisten fehlen solche Wandlungen, in denen Einstellungen hinterfragt und geändert werden – obwohl die Serie andeutet, dass genau dies notwendig ist.

Zuletzt verlieren die Episoden gelegentlich den Überblick. Während die siebte Staffel noch auf ein Finale zusteuert, dass allen Figuren einen (nicht immer befriedigenden) Abschluss gewährt hat, so werden hier einige Charaktere äußerst stiefmütterlich behandelt. An aller erster Stelle ist die hier wieder einmal sehr überzeugende Paris zu erwähnen, die in der zweiten Hälfte der Erzählung einfach aus der Handlung fällt – obwohl ihr Handlungsbogen noch recht offen wirkte. Äußerst ärgerlich ist auch das Schicksal von Lorelais bester Freundin Sookie: Sie hat sich aus ungeklärten Gründen aus Stars Hollows zurückgezogen (und dabei sogar ihren Gatten Jackson zurückgelassen). In der letzten Folge schneit sie auf einmal wieder in die Handlung – ohne dass die Gründe für ihren Abschied bzw. ihre Rückkehr oder ihr Verhältnis zu Jackson irgendwie angesprochen werden. Einen solch tragenden Charakter der Serie so schlecht zu behandeln ist auch angesichts der vermutlich hohen Gagenforderungen der Schauspielerin ausgesprochen enttäuschend.

Während die Serie inhaltlich also nicht wirklich überzeugen kann, spielt sie dennoch viele ihrer früheren Stärken aus: Die Schauspieler agieren weiterhin grandios, die Dialoge sind schnell und unterhaltsam und das Erzähltempo hoch. Dadurch können die vier Episoden ihre inhaltlichen Schwächen gekonnt überspielen und die Zeit vergeht einmal mehr wie im Flug. Am Ende wünscht man sich, noch viele weitere Stunden in Stars Hollows verbringen zu können. Außerdem stellt sich der Ärger über die verschenkten Möglichkeiten erst am Ende ein. Zuvor fiebert man noch mit Rorys Karriere- und Beziehungsschwierigkeiten, Lorelais Zerissenheit und Emilys Lebenswandel mit. „Ein neues Jahr“ ist daher am Ende wohl schlicht zu kurz, um all diese spannenden Themen angemessen zu behandeln. In der verfügbaren Zeit unterhält es jedoch sehr gut. „Gilmore Girls“ braucht schlicht mehr als vier Folgen, um nicht nur atmosphärisch, sondern auch inhaltlich in Fahrt zu kommen.

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