Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Newt Scamander – Harry Potter Lesern als Autor des Lehrbuches „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ bekannt – erreicht 1926 New York. Die Stimmung in der Magier-Community ist angespannt. Die amerikanischen Zauberer befürchten stärker als ihre europäischen Pendants die Enthüllung durch die nicht-magische Gesellschaft. Dazu treibt irgendwo im Hintergrund der dunkle Magier Grindelwald sein finsteres Spiel, mit dem er einen Krieg zwischen Muggeln und Zauberern anzetteln möchte – für die paranoide amerikanische Zauberergesellschaft ein Horrorszenario. Scamander ist ein exzentrischer Forschungsreisender und ist sich über diese Verquickungen nicht wirklich im Klaren. Kurz nach seiner Ankunft entkommen ihm aufgrund eines Missgeschick einige seiner Tierwesen. Mit der Hilfe eines Muggels sowie einer Mitarbeiterin des amerikanischen Zaubereiministeriums versucht er seine Schützlinge einzufangen, während das Ministerium ihn für sein Missgeschick am Liebsten umbringen möchte und im Hintergrund dunkle Kräfte die Situation für sich ausnutzen möchten.

Kann ein Harry Potter Prequel, das auf einem fiktiven und süffisant-trockenen Lehrbuch basiert überzeugen? Kann ein Film über Magier ohne die bekannten Personen der Romanreihe und ohne die Möglichkeit an dem Status Quo des Harry Potter Universums zu rütteln, den Zuschauern neue Aspekte dieses fantastischen Universums eröffnen? Die Wahl eines Prequels, das zudem an keine niedergeschriebene Geschichte gebunden ist, erlaubt Drehbuchautorin Rowling erstmals einen unvorhersehbaren und überraschenden Film zu machen.

 

Das ist nicht durchgehend überzeugend. Zwei Hauptfiguren, Scamander und Credence, sollen so exzentrisch wie möglich wirken. Das wird leider hauptsächlich dadurch dargestellt, dass die Schauspieler anderen so selten wie möglich in die Augen gucken. Das wirkt aufgesetzt und wenig überzeugend. Außerdem ist der Film an vielen stellen viel zu Slapstick-haft und unlogisch und an anderen Stellen viel zu brutal und düster. So wirkt der gesamte Auftakt außerordentlich aufgesetzt. Es erscheint sehr ungewöhnlich, dass ein erfahrener Tiersammler wie Scamander seine über Jahre aufgebaute Sammlung auf solch banale Weise verlieren könnte. In diesem ersten Teil des Films häufen sich die (überwiegend lustigen) Zufälle und gleichzeitig wird ausgerechnet das Zaubereiministerium als überraschend düster dargestellt. Zwischen diesen beiden Extremen kann der Film seinen Stil lange nicht finden. Zuletzt ist der Bösewicht übertrieben klischeehaft dargestellt. Obwohl er erst relativ spät enthüllt wird, kann ihn der Zuschauer bereits während seines ersten Auftritts an seinem Kostüm erkennen.

Trotz der etwas holprigen Darstellung der exzentrischen Charaktere gelingt es dem Film aber innerhalb kürzester Zeit eine Reihe sympathischer Charaktere aufzubauen, denen man gerne in J.K. Rowlings magische Welt folgt. Vor allem der Kunstgriff, die amerikanische Zaubereiwelt aus der Sicht eines Muggels zu betrachten, geht ganz auf. Im Laufe des Films erhalten die vier Hauptprotagonisten zudem etwas Tiefe, sodass der rührende (und langgezogene) Abschied am Ende des Streifens sehr überzeugend ist. Spätestens ab der zweiten Hälfte des Films schaffen die gelungenen Charaktere für Mitgefühl und Spannung.

Die Handlung selbst wird zudem immer komplexer und bleibt dennoch verständlich. Rowlings politische Ansichten wurden in ihrem ersten nicht-fantastischen Roman überdeutlich. Auch in „Phantastische Tierwesen“ bringt sie ihre Sympathien zum Ausdruck. Das geschieht nicht mit der Holzhammer-Methodik. Doch der Film ist ganz klar auf der Seite gesellschaftlicher Außenseiter, plädiert leidenschaftlich für Toleranz und gegen Fanatismus und Gewalt (vor allem gegen Kinder). Das Ergebnis ist ein vielschichtiges Panorama der amerikanischen Zaubereigesellschaft, das auch ohne interne Unterwanderung durch Voldemort, ambivalente Eindrücke zutage fördert. So siegt zwar am Ende das Gute aber nur mit brachiaten Methoden, die ein leidendes Wesen das Leben kostet. Dies macht „Phantastische Tierwesen“ zu einer spannenden und eindringlichen Reise in eine bisher unbekannte Seite der Zaubereiwelt.

In diesem Sinne ist auch das Ende überraschend gut. Das liegt nicht nur an der tragischen Komponente. „Phantastische Tierwesen“ soll eine fünfteilige Reihe werden. Doch der erste Film macht nicht den Fehler, den Zuschauer mit einem Cliffhanger auf den zweiten Teil in zwei Jahren zu vertrösten. Der Film erzählt stattdessen eine klar abgeschlossene, komplexe und nachdenkliche Geschichte mit einem sehr gelungenen und spannenden Finale. Dass man sich am Ende trotzdem auf einen zweiten Teil freut liegt daran, dass die Charaktere mit jeder Film Minute etwas wachsen und die ambivalente Welt immer faszinierender wird.

„Phantastische Tierwesen“ gelingt es damit trotz einiger Anfängsschwächen nicht nur, zu unterhalten und der „Harry Potter“-Welt einige neue Nuancen hinzuzufügen. Mit einem spannenden, in sich abgeschlossenen Finale gelingt es dem Film aufgrund seiner sympathischen Charaktere die Vorfreude auf den zweiten Teil sehr hoch zu  halten.

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