Zelot (von Reza Aslan)

zelotWer war der historische Jesus von Natareth und was unterscheidet ihn von dem Jesus Christus, der einem in den verschiedenen Kirchengemeinden der Welt begegnet? Dieser Frage geht Reza Aslan in seinem kontrovers diskutierten Buch „Zelot“ nach. Aslan strukturiert seine Argumentation in drei Teilen: Zunächst wird der breitere historische Kontext, von den anderen messianischen Bewegungen der Zeit bis zum Fall Jerusalems skizziert. Anschließend werden die historischen Quellen von Jesus Wirken zusammengefasst. Abgerundet wird das Werk mit einer Betrachtung der direkten Interpretation und den Machtstreitigkeiten in der frühchristlichen Kirche.

Aslan präsentiert seine Sicht auf den historischen Jesus in einer einfachen und verständlichen Sprache, die in manchen Kapiteln sogar so etwas wie Spannung aufkommen lässt. Dies gelingt auch, weil der Autor auf direkte Quellenverweise im Text verzichtet und stattdessen einen ausführlichen, kommentierten Quellenapparat am Schluss bereitstellt. Dies bietet viele Möglichkeiten zum Weiterlesen.

Das Kernargument Aslans ist simpel: Die Kreuzigung war im Römischen Imperium die Höchststrafe, die in erster Linie aufgrund einer Rebellion gegen das Reich verhängt wurde. In der Tat wurden die meisten anderen Führer messianischer Bewegungen deswegen gekreuzigt, weil ihre Bewegung irgendwann in offene Opposition zu der römischen Herrschaft geriet. Die Frage, warum Jesus gekreuzigt wurde, sollte also unabhängig von den politischen Winkelzügen der Jerusalemer Priesterkaste, neu gestellt werden.

Jeder der drei Abschnitte bietet ganz eigene spannende Erkenntnisse. Der erste Abschnitt, der vermutlich das gesichertste Faktenwissen präsentiert, ordnet die Zeit von Jesus Wirken gelungen ein. Der Leser bekommt ein Gefühl der vielen ähnlichen Bewegungen und vor allem der drückenden sozialen Lage in Galiläa und Judäa. Vor allem die grassierende in Galiläa ist für Aslan von großem Interesse. Sie bildet das Fundament für die Konstruktion eines sozialrevolutionären Jesus im zweiten Abschnitt. Gekonnt konstruiert Aslan aus (ausgewählten) historischen Fakten und Bibelmaterial einen Jesus, dem die einfache Bevölkerung am Herzen lag, der in dieser das Werk Gottes sah und diese von dem Joch der Religionseliten befreien wollte. Dadurch geriet seine Bewegung unweigerlich mit dem Römischen Imperium in Konflikt, das ein großes Interesse an der Aufrechterhaltung dieser Ordnung hatte. Jesus aber, so muss es scheinen, verfolgte eine nationale Selbstbestimmungskampagne, in der Hoffnung dadurch die Armut der Bevölkerung zu verringern. Im vielleicht spannendsten, dem dritten Teil, wendet sich Aslan dem Wirken der ersten christlichen Gemeinden zu. Jesus direkte Jünger konnten in der Regel weder lesen noch schreiben, ihre Möglichkeiten, bleibende Zeugnisse zu hinterlassen waren daher begrenzt. Die griechischen Juden jedoch, die zum Christentum konvertierten waren in der Regel alphabetisiert. Vertreter dieser Gruppe wie zum Beispiel Paulus machten sich daran, Jesus Botschaft, die im Kern anti-römisch und sozialrevolutionär war, umzudeuten. Ging es Jesus trotz aller Befreiungstheologie vermutlich um eine striktere Auslegung des Gesetzes, eine Auslegung, die damit auch dem Priesterwerk das Handwerk legen würde, so deutete Paulus diese Theologie so um, dass viele alte jüdische Gesetze wegfielen. Auch die Messiasinterpretation des Christentum lässt sich laut Aslan auf Paulus zurückführen, obwohl die Historizität von dessen Briefen sowie die Verbindung zu Jesus Aussagen kaum gesichert ist. Die wahren Nachfolger Jesus wiederum, die dessen sozialrevolutionäre und teilweise auch strikte Lehre weiter befolgten, wurden marginalisiert, zum Großteil in Jerusalem während des Judenaufstandes getötet und anschließend gar, nachdem sich das Mainstream-Christentum endgültig der römischen Staatsideologie angepasst hat, verfolgt.

Diese Entwicklung ist spannend geschildert und regt an vielen Stellen zum Nachdenken an. Denn selbst wenn man die historischen Quellen Aslan für nicht so aussagekräftig hält wie der Autor, bleiben genug abstrakte Überlegungen (wie zum Beispiel das Verhältnis von Paulus zu Lehre Jesus sowie viele weitere Bibelarbeiten Aslan), um offenen Gemütern viele Punkte zum Nachdenken zu bescheren. Hier hilft es, dass Aslan Quellenapparat es erlaubt, die Lektüre fortzusetzen. Besonders nachdenklich stimmt Aslans Fazit: Konzentriert man sich auf die soziale Botschaft nicht auf die strikte Gesetzesauslegung des historischen Jesus von Nazareth, so entsteht eine Figur, an die es sich nicht weniger zu glauben lohnt als an Jesus Christus. Dieses Fazit erscheint so überzeugend wie der Rest des Buches, bei dem man sich angesichts einer klaren Argumentation immer wieder daran erinnern muss, dass die (kirchlich gesteuert) Mainstream-Theologie viele der sich stärker auf historische Quellen stützende Argumentation Aslans nicht teilen dürfte.

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