Purity (von Jonathan Franzen)

purity

dt. „Unschuld“

Purity „Pip“ Tyler kennt ihren eigenen Vater nicht und stöhnt unter den hohen Raten für ihren einstigen Studienkredit. Andreas Wolf hat ein dunkles Geheimnis, das mit seiner Dissidentenvergangenheit in der DDR zusammenhängt. Derzeit ist er jedoch die Treibkraft hinter dem „Sunlight Project“ einem der erfolgreichsten Leak-Plattformen im Internet. Leila Helou ist Journalistin und in einer unglücklichen Ehe aber mit offiziell sanktionierter Affäre mit dem Herausgeber Tom Aberant, der wiederum eine hässliche Scheidung durchlebt hat. Außerdem hat Tom einst Andreas dabei geholfen, sein Geheimnis zu vertuschen. Die Schicksale dieser vier Charaktere kreuzen sich als Pip, in der Hoffnung ihren Vater zu finden, ein Praktikum bei Andreas‘ „Sunlight Project“ beginnt und von ihm darauf angesetzt wird, bei Toms Zeitung herauszufinden, ob dieser Andreas Geheimnis zu veröffentlichen.

Standen in „Die Korrekturen“ und „Freiheit“ Familien im Mittelpunkt von Franzens Betrachtung, so sind es in diesem Roman verschiedene Formen von Beziehungen. Die Familie, die trotz all ihrer Probleme über Jahrzehnte zusammenhält, gibt es hier nicht mehr. Jede Familie hat hier aufgrund von Scheidung, Krankheit oder Unfällen eine Lücke zu beklagen. Die Protagonisten des Romans sind alle auf ihre Art auf der Suche nach Liebe (oder zumindest Selbstliebe). Dadurch geraten sie alle in belastende, tendenziell destruktive Beziehungen, die sie anschließend ein Leben lang begleiten. In dieser Situation ist die junge Pip, deren Leben bisher ebenfalls einige destruktive Elemente aufweist, die einzige mit einer realen Chance auf Selbstverbesserung.

Über all dem schwebt das Internet, das als politische Kulisse des Romans dient. Das Internet bedroht den Journalismus und ist gleichzeitig eine riesige Chance für ihn. Männer wie Andreas Wolff gelingt es, sich mit Charisma, Egoismus und viel Propaganda zu Helden zu stilisieren. Franzen legt „Purity“ als auch als bitterböse Satire an der modernen, vernetzten und alles überwachenden Welt an, in der die Privatsphäre ständig bedroht ist. Dabei, so zeigen die Schicksale aller Charaktere, sind es weiterhin die privaten Beziehungen, die einen Charakter in erster Linie definieren. Das Internet ist somit nicht nur eine potentielle Gefahr für die Mächtigen, sondern auch für die Umgangsformen zwischen den Bürgern.

Die globale Kraft des Internets führt die verschiedenen Charaktere regelmäßig zusammen. Dies wirkt leider sehr konstruiert. Der Roman ist nicht chronologisch aufgebaut, sondern widmet sich in sieben Kapiteln unterschiedlichen Charakteren beziehungsweise Zeitebenen. Immer wieder werden Sachverhalte erst in Rückblenden deutlich. Dies kaschiert die vielen Konstruktionen häufig und erhöht die Spannung innerhalb des Romans. Dennoch kann der künstliche Eindruck der Charakterkonstellationen nicht gänzlich verdeckt werden und steht in starkem Kontrast zu den äußerst überzeugenden Schilderungen der einzelnen Charaktere.

Denn letztlich ist in diesem Roman jeder Charakter auf sich allein gestellt. Bis auf Pip haben alle Charakter während ihres Lebens falsche Entscheidungen in ihrer Partnerwahl getroffen und diese entweder aus Trägheit oder aber aus Selbsthass nicht rasch genug korrigiert. Zu Beginn eines jeden Handlungsabschnittes haben sie das Gefühl, ihr Leben unter Kontrolle zu haben, nur um dann um so stärker von unerwarteten Ereignissen aus ihrer Bahn geworfen zu werden. Diese Schilderungen sind für sich betrachtet äußerst eindringlich und bewegend. Durch die vielen skurrilen und dennoch glaubwürdig gezeichneten Protagonisten ist die Erzählung zudem sehr faszinierend.

 

 

„Purity“ präsentiert somit berührende Einzelschicksale und faszinierende Charaktere, die sich mit fehlender Mutterliebe, gescheiterten Ehen, überhasteten Entscheidungen und vielen anderen Facetten der Liebe auseinandersetzen mussten. Trotz Schwächen in der Konstruktion, der diesmal die Klammer einer Familie fehlt, ist dies ein fesselnder Mix.

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