La vérité sur l’affaire Harry Quebert (von Joël Dicker)

lvslahqdt. „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“

Sommer 1975, Nola Kellergan verschwindet in dem kleinen Ort Aurora in New Hampshire spurlos. Zurück bleibt lediglich die Leiche einer alten Frau, die die Polizei per Telefon davon benachrichtigte, dass Nola verfolgt wurde. Die darauf folgenden Ermittlungen fördern kein Ergebnis zutage, der Fall wird zu den Akten gelegt. 33 Jahre später klingt der grandiose Erfolg von Marcus Goldman erstem Roman langsam ab. Als sein Verleger ihn zu einem zweiten Roman drängt, stellt der Schriftsteller erschrocken fest, dass er unter einer Schreibblockade leidet. Verzweifelt begibt er sich auf das Anwesen seines alten Freundes, Mentors und Professors Harry Quebert. Dort entdeckt er durch Zufall, dass Quebert einst eine Beziehung zu Nola Kellergan unterhielt. Kurz nachdem Goldman sich wieder zu seinem Wohnsitz in New York begeben hat, finden Gartengestalter die Leiche Kellergans in Queberts Garten.

Goldmans Arbeit an einem Buch über seinen Mentor Harry Quebert, der des Mordes angeklagt ist und mit der Todesstrafe konfrontiert ist, ist von Dicker meisterhaft konstruiert. Während die einzelnen Szenen durch eine grandiose und dennoch schlichte Zeichnung seiner Figuren immer vorhersehbar sind, bleibt die Gesamthandlung aufgrund ständiger Wendungen und Überraschungen gänzlich im Dunkeln. Dies baut auf Dauer eine enorme Spannung auf den vielfältigen Erzählebenen auf.

Die Haupthandlung dreht sich um Goldmans Versuche, einen zweiten Roman zu Papier zu bringen. Seine Schreibblockade verhindert dies stets. Indem er versucht, seinen Mentor Quebert von den Mordvorwürfen durch eigene Ermittlungen zu schützen, bietet sich ihm unfreiwillig das Material für einen weiteren Roman bzw. einen Tatsachenbericht. Also befragt er Quebert eben so wie die für die Affäre wichtigen Bewohner des Städtchen Auroras. Der Leser erhält dadurch die Möglichkeit, immer wieder in die 33 Jahre zurückliegenden Ereignisse einzutauchen. Die Spannung arbeitet dabei zunächst auf zwei Ebenen: Während in der Vergangenheit zunächst vieles unausweichlich wirkt, baut sich eine drückende Spannung auf, die sich gegen Ende der Ermittlungen Spannung durch unvorhersehbare Ereignisse verwandelt. In der Gegenwart ist Goldman damit konfrontiert, dass die wahren Schuldigen noch frei herumlaufen und ihn immer mehr unter Druck setzen. Durch das hohe Tempo der Geschichte, klare Sätze und die gut gezeichneten, vielschichtigen Figuren ist das eine wahre Lesefreude.

Vor allem aber ist der Fall selbst facettenreich. Decker ist hier ein Konstrukt gelungen, in dem die naheliegendste Lösung während des gesamten Romans weder von den Protagonisten noch von dem Leser wahrgenommen wird. Stattdessen hängt man an Goldmans Lippen (bzw. seinen Worten), die immer weitere, äußerst plausible Varianten des Tathergangs produzieren. Dazu tragen die redseligen Einwohner Auroras bei, sodass man nach jedem Kapitel eine Fährte verliert und eine neue gewinnt.

Der Lesefluss wird zudem von Dickers innovativer Erzählweise befördert, die zusätzlich eine Satire auf den Literaturbetrieb (und den Prominentenstatus) als auch ein Erzählexperiment bietet. Goldman ist zwischen seinem hartherzigen Verleger und seiner überfürsorglichen Mutter, zwei äußerst überzeichneten Typen, gefangen. Diese Szenen lockern die Handlung immer wieder auf. Gleichzeitig ist der Roman eine Beschreibung über die Erstellung einer Beschreibung über einen Tathergang. Eigentlich ist dies ab dem ersten Kapitel klar, richtig realisiert kann es aber erst ab der Mitte des Romans werden. Insofern trägt Goldmans ganz eigene Perspektive mit zum Spannungsaufbau der Handlung bei.

All diese Elemente – der clevere Fall, die gelungenen Charaktere und die innovative Erzählweise – führen zu einem spannenden, unterhaltsamen und rundum überzeugenden Krimi, der nicht müde wird, seine Leser zu überraschen.

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