Die Unbelangbaren – Wie politische Journalisten mitregieren (von Thomas Meyer)

12692Journalisten werden immer einflussreicher und können dabei von der Bevölkerung nicht zur Verantwortung gezogen werden: Mit dieser zentralen These, die bereits eine Gefahr für die Demokratie impliziert, setzt sich Thomas Meyer in dem Essay „Die Unbelangbaren“ auseinander. Der Ausgangspunkt sind Beobachtungen der vergangenen Jahre: Die mediale Hetzjagden auf Christian Wulff und Peer Steinbrück auf der einen, die mediale Schonung der nicht gerade profilierungsfreudigen Bundeskanzlerin auf der anderen Seite nutzt Meyer, um seine These eines immer deutlicheren journalistischen Einflusses auf die öffentliche Wahrnehmung von Politikern, aber auch über die in der Politik debattierten Themen zu belegen. Durch die konsequente Nutzung ihres Veröffentlichungsmonopols sowie auf eigenen ökonomischen Interessen aufbauend, folgen die Redaktionen in Deutschland wie im Herdentrieb einer kleinen Gruppe Spitzenjournalisten, deren Macht dadurch größer ist als je zuvor. Verursacht wird dies durch ökonomische Zwänge im Journalismus auf der einen sowie einer, folgt man dem Autor, geradezu erschütternden, systematischen Kritikimmunität. Solange das Netz noch nicht als potentieller Veto-Faktor einschreiten kann, plädiert Meyer für Institutionen im deutschen Journalismus, die Selbstkritik fördern und teilweise auch einfordern.

Googelt man das Buch stößt man auf mehrere Rezensionen in namhaften Zeitungen. Interessanterweise wird dabei eine Beobachtung Meyers bestätigt: Substantielle Kritik am Journalismus, vor allem wenn sie berechtigterweise aus den eigenen Reihen kommt, aber auch wenn sie aus dem akademischen Milieu stammt, wird zwar aufgenommen, rezipiert, in der Folge aber meist ins Gegenteil verkehrt und mit geradezu automatischen Abwehrreflexen zurückgespielt. Im Falle Meyers ist es die SPD-Mitgliedschaft des Politikwissenschaftlers, die durch die Bank als Angriffspunkt auf die Thesen Meyers führt. Und in der Tat fällt es in dem Essay unangenehm auf, mit welcher Verve Meyer den sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten Steinbrück verteidigt und die Amtsinhaberin Merkel als programmlose Medienexpertin darstellt. So recht er im Kern auch haben mag – er führt zum Beispiel die von den kritisierten Medien enthüllte, aber nicht besonders lautstark verbreitete Erkenntnis an, dass Bundeskanzlerin Merkel ihre Politik hauptsächlich an internen Umfragen ausrichtet – der schrille Ton macht seine auf Stichproben basierenden Beobachtungen angreifbar. Durch eine neutralere, weniger erregte Tonlage hätten die durchaus gemeingültigen Argumente Meyers an Stärke gewonnen.

Denn auch die nichtpolitischen Aspekte des Essays rechtfertigen bereits die These einer kleinen unbelangbaren Klasse, die durch systematische und ökonomische Faktoren ausgesprochen einflussreich geworden ist. Das bereits erwähnte Veröffentlichungsmonopol genießen Print und Fernsehen nun seit einigen Jahrzehnten. Ob der Umgang damit verantwortungsloser geworden ist, kann man bezweifeln. Allerdings dürfte angesichts der immer stärkeren Konkurrenzsituation um ständig sinkende Werbeeinnahmen in Verbindung mit den Online-Ablegern aller großen Zeitungen und Rundfunkanstalten der Druck auf eine polarisierende und zuspitzende Berichterstattung gegenüber einer ausgewogenen und informativen zugenommen haben. Meyers Bemerkung, dass die hohe Zahl der Nichtwähler zwar eine Schuld der Politik, aber auch der die Politik abbildenden Journalisten sei, ist bemerkenswert. Denn in der Tat könnte man die Frage stellen, ob denn die Medien auch die Interessen der Nichtwähler abbilden oder ob diese nicht auch aus diesem System längst entschwunden sind. Meyer Plädoyer für ein stärker an den sozialen Lagen der Bevölkerung ausgerichteten Journalismus ist daher ein interessanter Beitrag zu den nach jeder Landtagswahl aufflammenden Demokratiedebatten.

Lesenswert sind auch Meyer systematische und ökonomische Argumente. Die journalistische „Klasse“, von der er immer wieder spricht, auch wenn er sie nie kollektiv für Verfehlungen haftbar macht, frönt einem gewissen Selbstverteidigungsreflex, der bereits angesprochen wurde. Hinzu kommt, dass die prekäre ökonomische Lage der meisten Journalisten diesen die Sicherheit nimmt, ihr Berufsleben in einem Medienhaus verbringen zu können. Insofern sind sie immer auf der Hut, es sich mit ihren möglichen zukünftigen Arbeitgebern in anderen Redaktionen nicht zu verscherzen. Dadurch wird die breite Masse der Journalisten in den Zeitungshierarchien zu – überspitzt gesagt – Gehilfen der abgesicherten Alpha-Journalisten, die ihre Meinung gnadenloser denn je durchdrücken können. In Verbindung mit einer gewissen Homogenisierung nicht nur der Berichterstattung, sondern auch der politischen Position führender Medienhäuser entsteht so ein gefährlicher Herdentrieb. Auch können Leser nicht mehr einen Verlag boykottieren – die Meinungen werden längst vom ganzen Mediensystem getragen. Diese Faktoren glaubt Meyer nur durch eine Stärkung der Selbstreflexion und vor allem der Selbstkritik innerhalb des journalistischen Systems beikommen zu können. Dies sind die besten Möglichkeiten, die unbelangbar gewordenen Journalisten zumindest intern zur Rechtfertigung zu bringen.

Trotz der teilweise parteiisch gewählten Beispiele und trotz der äußerst sparsamen und oberflächlich wirkenden Reformvorschläge, bietet Meyers Essay damit ein Reihe an Überlegungen und Argumente, die zum Nachdenken über die Verfassung des Mediensystems anregen. Das Büchlein impliziert damit, die beiden Lücken – die empirische Generalisierung und die konkreten Reformvorschläge – in der Zukunft zu füllen.

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