45 years

Kate und George Mercer sind seit 45 Jahren verheiratet. Das 40. Jubiläum konnten sie aufgrund einer Erkrankung Georges nicht feiern, daher holen sie dies nun für den 45. Jahrestag nach. Eine Woche zuvor erhält George eine Nachricht: Der Körper seiner Ex-Freundin, die einst in den Alpen in den Tot gestürzt ist, wurde aufgrund der Gletscherschmelze geborgen. Kate bemüht sich, ihren Partner bei der Verarbeitung dieser Nachricht zu unterstützen. Im Laufe der Woche wird jedoch immer deutlich, dass die Nachricht George mehr als gedacht bewegt. Kate ist von Georges Gefühlen etwas verstört und beginnt sich für diese frühere Beziehung zu interessieren.

„45 years“ ist ein ruhiger, ganz auf die Charaktere fokussierter Film. Der Zuschauer erlebt die Handlung aus der Sicht von Kate Mercer. Diese wird von Charlotte Rampling ohne viele Worte grandios verkörpert. Den Großteil ihrer Gefühle sind bereits durch ihre Körperhaltung oder ihren Gesichtsausdruck verständlich. Sie verkörpert eine Gattin, die ihrem Mann in einer emotional belastenden Situation zur Seite stehen möchte und fest an die Stärke ihrer eigenen Ehe glaubt. Aus diesem Grund ist sie um so erschütterter über die Erkenntnis, wie wenig sie von dem Vorleben ihres Partners wusste.

Durch die einseitige Sicht, ist auch der Blick auf die Ereignisse einseitig. George plappert lange vor sich hin, es ist überdeutlich, dass die Ereignisse ihn emotional überfordern. Also flieht er sich in nostalgisches (und häufig peinliches) Schwelgen in der Vergangenheit. Bei all den Anekdoten, die er Kate über seine Ex-Freundin erzählt, vergisst er jedoch nicht nur die wesentlichen Informationen, sondern auch völlig, Kates Reaktionen abzuschätzen. In dieser rumort es, sie fragt sich überdeutlich, warum George noch so sehr an Ereignissen vor einem halben Jahrhundert hängt. Indem es den beiden nicht gelingt, miteinander über das Thema zu sprechen, und indem sie permanent aneinander vorbeireden und sich verletzen, verlieren sie immer mehr das Fundament ihrer Ehe unter den Füßen.

Kate entscheidet sich, nachzuforschen, was es mit dieser Beziehung auf sich hatte. Sie entdeckt, dass Georges Ex-Freundin schwanger war. Für die kinderlose Kate, die immer glaubte, sie hätten gemeinsam eine rationale Entscheidung getroffen, ist dies ein schwerer Schlag. Von diesem Moment an zeigt sich, wie fatal das emotionale Krisenmanagement im Hause Mercer ist. Kate kann ihre Entdeckung nur indirekt gegenüber George enthüllen. Die beiden, die sich sicher wähnten, einander zu haben, sind letztlich mit sich selbst allein. Während George über seine eigene Verschwiegenheit stolpert, entdeckt Kate in sich ein ungeahntes Maß an Eifersucht und Reue über vergangene Entscheidungen. In gerade einmal einer Woche ist das über 45 Jahre gereifte Vertrauensverhältnis, das gegenseitige Verständnis ohne einen Streit, ohne harsche Worte so zerstört, dass Kate von einem Neuanfang sprechen und sich dazu zwingen muss. Die Grausamkeit eines durch unausgesprochene Worte langsam wegbröckelnden Ehefundaments lässt die Charaktere wie den Zuschauer leiden.

„45 Years“ wird dadurch zu einem ruhigen aber mitreißenden und berührenden Kammerspiel, dass ohne viele Worte aber mit vielen Gesten einen dramatischen Wendepunkt in einer langen Ehe darstellt und zeigt, dass unsere Gefühlswelt in langen Beziehungen noch so mächtig sein kann wie in ersten Beziehungsjahren.

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